Einer der bemerkenswertesten Aspekte des vergangenen Jahrhunderts war eine ungeheure Inflation der Bedeutung von Kultur. Solange Kultur sich auf Genies wie Bach und Balzac beschränkte, vermochte sie die Gesellschaft insgesamt nur wenig zu prägen. Zu eindeutig war sie ein Betätigungsfeld für Spezialisten, die eine zu kleine Minderheit ausmachten. Statt nennenswerten sozialen Einfluss auszuüben, bot sie all jenen eine Zufluchtsstätte vor der modernen Gesellschaft, für die diese geistig abgewirtschaftet hatte. Die Kultur stand für eine Welt des absoluten Werts.

Nachdem sich jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts die von Theodor W. Adorno so genannte Kulturindustrie entwickelte, änderte sich die Lage von Grund auf. Zum ersten Mal in der Geschichte stellte die Kultur nun einfach einen weiteren Zweig der Warenproduktion dar. In dieser Form war ihr Einfluss bald überall zu spüren. Jetzt galt es, nicht mehr nur der Schlangengrube der Politik, sondern auch dem unaufhörlichen Lärm der Kultur zu entfliehen. Kultur, einst ein abgeschiedener privater Zeitvertreib, hatte sich in ein allgegenwärtiges soziales Phänomen verwandelt. Wie in den Tagen der Stammesbarden, Hofmusiker und aus Staatsschatullen alimentierten Dramatiker war sie eng mit öffentlichen Institutionen verflochten.

Doch nicht nur als Kunst und Kunstbetrieb kam der Kultur im 20. Jahrhundert überragende Bedeutung zu, sondern auch als Lebensform. Für den revolutionären Nationalismus, der sich in den Jahrzehnten um die Jahrhundertmitte eifrig bemühte, den Erdball von Vietnam bis Angola umzugestalten, bildete Kultur genau den Stoff, aus dem Politik gemacht wird. Regionale Verwurzelung, Sitte, Tradition, Verwandtschaft, Sprache, Symbole, kollektive Identität – in dem mit diesen Vokabeln gegebenen umfassenden Verständnis diente die Kultur nicht mehr zur Flucht vor der Politik. Sie war vielmehr genau die Sprache, in der politische Forderungen formuliert werden.

In der hochkulturellen Variante einer Beschäftigung von Minderheiten hatte die Kultur danach gestrebt, die grundlegenden menschlichen Werte zu verkörpern. Damit hatte sie eine gemeinsame Basis geschaffen, auf der wir uns trotz unserer gesellschaftlichen oder politischen Differenzen treffen konnten. Kultur war als eine Kraft der Versöhnung angelegt. In der neuen Welt der widerstreitenden ethnischen Gruppen, religiösen Sekten und neu entstehenden nationalen Identitäten aber war Kultur von einem Teil der Lösung zu einem Teil des Problems geworden – zu etwas, wofür Menschen zu töten bereit sind. Nostalgisch mochte man sich der Tage entsinnen, als Kultur Bach und Balzac bedeutete. Wie elitär eine solche Idee von Kultur auch sein mochte, sie führte immerhin nicht dazu, dass Menschen verstümmelt wurden.

Volk, Sitte und Vaterland sind die ideologischen Formeln der Rechten

Wie wirkten sich diese Entwicklungen auf die politische Linke und Rechte aus? In den Zeiten, als linke Politik in Klassenkampf und Arbeitskonflikten bestand, stellte die Kultur einen angenehmen Bonus dar. Wenn linke Aktivisten danach strebten, Rimbaud zu lesen oder Rembrandt zu verehren, umso besser. Politisch entscheidend war dies aber nicht. Auch der umfassendere Kulturbegriff – Kultur als die besondere Lebensform – bedeutete der Linken nicht sonderlich viel. Der Sozialismus war ein Internationalismus, der alles verachtete, was er für ein Kleben an der Scholle hielt. Zum Erreichen seiner Ziele galten ihm lokale Loyalitäten nicht als hilfreich, sondern als hinderlich.

Dies traf allerdings nicht auf die Frauenbewegung zu, für die Sprache, Geschichte und Identität von größerer Bedeutung waren. Auch für die mächtigste internationale Bewegung jener Zeit galt es nicht. Ihr Name lautete ironischerweise Nationalismus. Nationale Befreiungsbewegungen erwiesen sich mit Abstand als die erfolgreichste revolutionäre Strömung des modernen Zeitalters, und eine Nation nach der anderen befreite sich von ihrer Kolonialmacht. Dies bedeutete eine folgenschwere Umstellung von Politik auf Kultur. Worauf es jetzt anzukommen schien, waren weniger Armut, Eigentum und Ausbeutung als Sitten, Glaube und Traditionen.

Die Kultur war jedoch nicht allein das Revier der radikalen Linken. Auch die extreme Rechte beschäftigte sich intensiv mit dieser Idee. Wurzeln, Vaterland, Symbole, Traditionen, die Inszenierung von Politik als Spektakel, Wesenserkenntnis, ethnische Identität – nach dem Nationalsozialismus müssen wir nicht daran erinnert werden, dass solche Vorstellungen Männer und Frauen genauso gut in Stücke reißen wie dazu inspirieren können, sich aus den Fesseln politischer Unterdrückung zu befreien. Kultur in diesem Sinne ist der Feind von allem, was einem Liberalen lieb ist: Vernunft, Menschenrechten, Presse- und Forschungsfreiheit, Feind des Kosmopolitismus und der Kritik – mit einem Wort, der Zivilisation. Kultur und Zivilisation gerieten nun in Widerspruch zueinander. Der Sieg der Alliierten über das Dritte Reich ließe sich als Triumph der Zivilisation über die Kultur bezeichnen.