Es geht um eine Gesundheitsreform, aber die jüngsten Nachrichten aus den USA hören sich an wie Bulletins aus der Nervenklinik. "Das ist Sozialismus!", donnern konservative Kongressabgeordnete gegen Barack Obamas Vorschlag, neben privaten auch eine staatliche Krankenversicherung anzubieten. "Tyrannei", hallt es von der Straße, wo wutentbrannte Demonstranten den Präsidenten mit Hitler-Bärtchen zeigen. Glenn Beck, ein prominenter rechter Fernsehmoderator, wittert hinter Obamas Plänen eine schwarze Verschwörung, um wohlhabende Weiße zu Reparationszahlungen für die Sklaverei zu zwingen. Sarah Palin, berühmt für ihren eigenwilligen Wahlkampf an der Seite von John McCain, will sogar ein Euthanasieprogramm mit "staatlichen Todeskommissionen" entdeckt haben, die über die medizinische Versorgung von Behinderten entscheiden. In Radio-Talkshows versichern ältere Hörerinnen mit konspirativer Gewissheit in der Stimme, die Demokraten wollten per Sterbehilfe "massenhaft Senioren beseitigen, um mit dem gesparten Geld illegale Immigranten zu versorgen". Was offenbar immer mehr Amerikaner vermuten lässt, bei Obama handele es sich um einen illegalen Präsidenten. Das Amt darf nur bekleiden, wer auf amerikanischem Boden geboren ist – und dass Obama diese Voraussetzung erfüllt, bezweifeln in einigen südlichen Bundesstaaten inzwischen bis zu 40 Prozent der Bevölkerung. Kein Hirngespinst scheint zu bizarr, um nicht gegen Obama auf Sendung gebracht zu werden.

Mit den umstrittenen Details der geplanten Gesundheitsreform hat das nicht mehr viel zu tun. Berater Obamas sehen sich ihrerseits als Opfer einer Verschwörung und beschuldigen die Republikaner, diesen Volksaufstand mit Geld und mobilen Rabaukenkommandos zu steuern.

Einige Wellen des Protestes lassen sich tatsächlich in die Büros konservativer Parlamentarier und rechter Lobbygruppen verfolgen. Aber das erklärt die Leidenschaft des Protestes ebenso wenig wie der Hinweis auf das tief sitzende Misstrauen der Amerikaner gegenüber staatlichen Sozialprogrammen. Nein, hier ist noch etwas anderes passiert: Sieben Monate nach seinem Amtsantritt ist Barack Obama erstmals mit voller Wucht gegen den "paranoiden Stil in der amerikanischen Politik" geprallt.

The Paranoid Style in American Politics – so lautet der Titel des Klassikers von Richard Hofstadter aus dem Jahr 1964. Der Historiker und mehrfache Pulitzer-Preisträger meinte damit nicht Paranoia im klinischen Sinn, er meinte auch nicht den politischen Aktivismus von Wirrköpfen am extremistischen Rand. Hofstadter beschrieb vielmehr jenes Phänomen, bei dem hysterische Untergangsszenarien und Verschwörungstheorien Eingang in die Debatte der politischen Mitte finden. Also in die Köpfe der, so Hofstadter, "mehr oder weniger normalen Leute". Diese heißen im Jargon der Demoskopen seit den achtziger Jahren angry white males, "zornige weiße Männer".

In den USA treibt der paranoide Stil schon allein deswegen mehr Blüten als anderswo, weil Politik hier gern als Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Utopia und Apokalypse verstanden wird. Und in den vergangenen dreißig Jahren haben "zornige weiße Männer" die größten politischen Erfolge mit diesem Stil erzielt. In den achtziger Jahren trugen sie zum Wahlerfolg Ronald Reagans bei, Mitte der neunziger Jahre hatten sie Bill Clinton das Amtsleben verleidet. Dann bildeten sie die Kernwählerschaft für George W. Bush in jenem "9/11-Amerika", das heute so weit entrückt scheint wie der amerikanische Bürgerkrieg. Inzwischen sind sie zwar nicht mehr ganz so weiß und männlich, aber zornig genug, um im Streit um die Gesundheitsreform Obama-freundliche Kongressabgeordnete niederzubrüllen, ihnen Prügel oder Gottes Strafe anzudrohen.

Es handelt sich also um jene Strömung in der amerikanischen Politik, die Obama-Fans mit dem Wahlsieg ihres Idols in einer allgemeinen Euphoriewolke aufgelöst glaubten.

Das Problem ist: Der paranoide Stil in der Politik hat einige sehr attraktive Eigenschaften. Er stiftet Sinn, gibt seinem Anhänger eine Mission und die Gelegenheit zu maßloser Selbstüberhöhung. Und er bietet das reinigende Erlebnis, es "denen da oben" mal richtig gezeigt zu haben. Vor allem "dem da oben". Sie mögen eine Minderheit sein, aber viele Amerikaner haben die Wahl eines schwarzen, intellektuell und unmilitärisch wirkenden Kandidaten ins Weiße Haus nicht als Verwirklichung eines Traums, sondern als Beleidigung empfunden. Folglich mischen sich bei den Demonstrationen nicht nur Halb- und Unwahrheiten über die Reformpläne, sondern auch Rassismus und reichlich Testosteron.