Wir haben uns mit erstaunlicher Fraglosigkeit daran gewöhnt, die Wirtschaftswelt, ja sogar die Gesellschaft, in der wir leben, als kapitalistisch zu bezeichnen. Wann immer es etwas zu fürchten gibt, die Arbeitslosigkeit, die Klimakatastrophe – der Kapitalismus ist schuld. Wann immer es etwas zu hoffen gibt, das Ende der Arbeitslosigkeit, eine umweltfreundliche Technologie – dem Kapitalismus wird es zu verdanken sein.

Der Streit der politischen Lager geht nicht darum, ob der Kapitalismus zu Recht als Vater aller Phänomene benannt wird, sondern darum, ob man ihn sich eher als guten oder bösen Vater vorzustellen hat. Garantiert er Massenwohlstand und Demokratie – oder verhindert er das eine und zerstört das andere?

Aber auch hier schwinden die Differenzen. Lange vor der gegenwärtigen Wirtschaftskrise, in einer Vorahnung der globalisierungsbedingten Verwerfungen, fingen sogar die ersten Unternehmer an, den bisher für gütig gehaltenen Vater weniger nett zu finden. Sie gaben sich in der Öffentlichkeit gequält. Sie zeigten sich glaubhaft von Massenentlassungen gepeinigt – aber der Kapitalismus zwinge sie dazu. Es sei nicht ihrer Gier geschuldet, dass sie die Rendite erhöhten – der Kapitalmarkt verlange es. Die Lockerung der Tarifverträge geschehe nicht zu ihrem Vorteil, sondern in Erfüllung eines ewigen Gesetzes des Ausgleichs von Angebot und Nachfrage.

Der alte Kampfbegriff provoziert heute keinen Streit mehr

Die Rede vom Kapitalismus begann der Rede von Naturnotwendigkeiten zu ähneln. Selbst die Gewerkschafter frohlockten nicht, dass der Kapitalismus endlich sein wahres Bosheitsgesicht zeige, sondern verlangten nur, dass die Härten, die das System nun einmal mit sich bringe, sozialverträglich verteilt würden.

Das Verblüffendste aber war die neue Einigkeit zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmervertretern, den Kapitalismus als System zu betrachten, in dem alles mit allem zusammenhängt und das Gute vom Schlechten nicht mehr getrennt werden kann. Der Begriff des Kapitalismus ist offenbar zu einem allseits akzeptierten Universalschlüssel geworden, der jede Erklärung ersetzt und keinen Streit mehr provoziert – schon gar nicht darüber, ob es diesen Kapitalismus überhaupt gibt.

Das war nicht immer so. Als der Kapitalismusbegriff nach dem Krieg seine erste populäre Konjunktur außerhalb der Fachliteratur erlebte, war er noch eindeutig ein Kampfbegriff, der von links artikuliert wurde. Vom Kapitalismus sprach nur, wer ihn abschaffen wollte. Wer an der hergebrachten Wirtschaftsweise festhalten wollte, nannte sie nicht Kapitalismus. Zur Verteidigung der Marktwirtschaft oder gar der westlichen Lebensweise gegen den Kommunismus schien der Begriff gänzlich ungeeignet.

In Sonderheit lehnte es der Westen ab, sich als System zu begreifen; vielmehr machte es gerade seinen Anspruch auf überlegene Menschlichkeit aus, monokausale Erklärungen von sich zu weisen. Im Westen, das war das Schöne, konnte es so aussehen, als ließen sich die Probleme nacheinander und jedes für sich lösen, ohne dass erst mit einer Gewalttat Tabula rasa gemacht werden müsse. Von den großen Erlösungs- und Säuberungsfantasien, wie sie der Kommunismus vortrug, hatte man nach dem Nationalsozialismus erst einmal genug. Man wollte das Individuum und nicht das Kollektiv; man wollte individuelle Probleme und kein System von Problemen.