Schon lange nicht mehr waren die Erwartungen an eine naturwissenschaftliche Disziplin so hoch wie jene an die Hirnforschung. Schließlich erkunden Neurobiologen mittlerweile mit atemberaubender Präzision die "Terra incognita" des Menschen und fördern faszinierende Einsichten über seine neuronale Aktivität zutage. Beeindruckend ist aber nicht nur der Erkenntniszuwachs, der Hirnforschern innerhalb weniger Jahre gelang; spektakulär ist auch die Resonanz, die ihnen in einer breiten Öffentlichkeit zuteil wird – kaum ein Fachgebiet besitzt eine solche Ausstrahlungskraft über die engen akademischen Grenzen hinaus. Fast scheint es, als setze sich die Hirnforschung an die Stelle sozialwissenschaftlicher und philosophischer Welterklärungen, mehr noch: als halte sie den Universalschlüssel in der Hand, mit dem sämtliche gesellschaftlichen Phänomene "aufgeschlossen" und erklärt werden können. Allerdings, der Erfolg und der weitreichende Erkenntnisanspruch der Hirnforschung haben Kritiker aus den geisteswissenschaftlichen Fächern auf den Plan gerufen. Sie fürchten, dass die Behauptungen der Neurowissenschaften, vor allem die These von der vollständigen Determiniertheit menschlichen Handelns, unzulässig verallgemeinert würden und einen zweifelhaften Fatalismus beförderten. Ist das Hirn tatsächlich der alles determinierende Urheber unserer Handlungen? Gibt es wirklich keine Freiheit des Handelns? Wären Straftäter demnach "unschuldig"? Können Hirnforscher auch unsere Subjektivität erklären? Ein prominenter Kritiker der Hirnforschung ist Manfred Frank, Professor für Philosophie in Tübingen. Frank ist nicht nur einer der besten Kenner der frühromantischen Literatur und des deutschen Idealismus, insbesondere von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling; er ist auch ein exzellenter Interpret der analytischen "Philosophie des Geistes". Immer wieder verteidigt er in seinen Büchern die eigensinnige Subjektivität des Menschen. Sie ist für ihn irreduzibel, auf nichts anderes zurückführbar. Sie geht in keiner Theorie auf, in keinem Modell und in keiner Erklärung. Für Frank ist diese Subjektivität der Fels, an dem das Begriffssystem der Hirnforschung in Schwierigkeiten gerät und Schiffbruch erleidet. Doch wie immer es darum bestellt ist: Für Frank ist es töricht, Geistes- und Naturwissenschaften im Kampf um Drittmittel gegeneinander in Stellung zu bringen. Beide hätten sich viel zu sagen, beide könnten viel voneinander lernen, auch wenn eine von Effizienzdenken verhexte Wissenschafts- und Forschungspolitik dies noch nicht erkannt habe. – Von Manfred Frank erschien zuletzt die Sammlung Auswege aus dem Deutschen Idealismus (Suhrkamp Verlag) und Mythendämmerung. Richard Wagner im frühromantischen Kontext (Wilhelm Fink Verlag).