Es ist sieben Uhr morgens, als sich Ryuichi Yoneyama bei strömendem Regen mit seinen Helfern auf eine Verkehrsinsel mitten in Nagaoka stellt. Sie wirken wie Gestrandete, die um Hilfe rufen, dabei wollen sie nur einen guten Morgen wünschen. Ohayo gozaimasu. Sie verschlucken die hinteren Silben, sodass man nur ein muhendes Oh hört, dazu verbeugen sie sich im Sekundentakt vor allen, die des Weges kommen, Autos, Radfahrer, Lastwagen. Die Sache sei ganz einfach, sagt Yoneyama, 41. Je lauter sie schrien, je tiefer sie den Rücken beugten, je schlechter das Wetter sei, desto besser. "Die Leute wollen Hingabe sehen." Und nur mit absoluter Hingabe glaubt Yoneyama in diesem Wahlkampf eine Chance zu haben.

Hinter dem Kandidaten flattert sein eigenes Konterfei auf einem Wahlkampfbanner. Darauf grinst Yoneyama sehr breit, vielleicht ein bisschen zu breit, als wolle er zehn Regeln für ein erfolgreiches Leben verkaufen. Das zumindest kann er vorweisen, der Sohn eines Schweinehirten und einer Metzgerin, der sich ein Medizinstudium in Harvard erkämpfte und jetzt als Berufsziel "Premierminister" angibt.

Vorerst bewirbt sich Yoneyama nur als ein Kandidat im 5. Wahlkreis des Bezirks Niigata um einen Sitz im Unterhaus, das am 30. August gewählt wird. Die Aussichten stehen schlecht, denn er hat nicht nur eine mächtige Gegenkandidatin. Er ist auch in der falschen Partei: bei den regierenden Liberaldemokraten (LDP).

Zur Demokratie, so heißt die Regel, gehört der Machtwechsel. Japan war lange die Ausnahme. Rund 50 Jahre lang hat die LDP das Amt des Ministerpräsidenten besetzt, unterbrochen nur von einem kurzen Intermezzo Anfang der neunziger Jahre. Nun scheint ihre Ära zu Ende zu gehen. In Umfragen droht sie auf die 20-Prozent-Marke zu sinken, ihr Konkurrent, die Demokratische Partei Japans (DPJ), liegt bei über 40 Prozent. Eine so deutliche Niederlage der LDP wäre ein politisches Erdbeben, vergleichbar mit dem Machtverlust der PRI in Mexiko. Oder mit dem Szenario einer bayerischen Regierung ohne die CSU.

Die LDP – das war einst Synonym für den Aufstieg Japans zu einer führenden Wirtschaftsmacht, für die sogenannte Japan AG, in der Politik, Wirtschaft und Bevölkerung scheinbar harmonisch zusammenarbeiteten. Doch hinter der glänzenden Fassade breiteten sich bald Korruption und Nepotismus aus. Als der Aufschwung vorbei war, ging es auch mit der LDP bergab. Allein Junichiro Koizumi, der Premier mit der Löwenmähne, vermochte Anfang dieses Jahrzehnts noch einmal Hoffnung auf Selbsterneuerung zu stiften. Seit er weg ist, siecht die Partei dahin. Drei Premierminister verschliss sie in den vergangenen drei Jahren, ein Skandal jagte den nächsten. Die Exportnation Japan litt schlimmer unter der Weltwirtschaftskrise als andere Industrieländer, geopolitisch steht sie zunehmend im Schatten Chinas. Schlagzeilen von internationaler Bedeutung verursachte zuletzt Anfang des Jahres der Finanzminister, als er während des G-7-Treffens in Italien volltrunken in ein Mikrofon lallte.

Also leiden die Japaner derzeit an ihrem Land und seiner bislang so mächtigen LDP. Folglich findet sich auf Yoneyamas Wahlplakaten kein Hinweis auf seine Partei. "Das ist mir gar nicht aufgefallen", sagt er. "Reiner Zufall. Da war einfach kein Platz mehr." Er springt in seinen Hyundai, es wird ein langer Tag werden. "Wenn ich sie besiege, werde ich ein Held sein", ruft er.

"Yoneyama?", Makiko Tanaka lächelt. "Ich habe in 16 Jahren keinen meiner Herausforderer kennengelernt. Ich fege sie einfach weg." Um 8.30 Uhr hat Tanaka, 65, die Lobby des besten Hotels von Nagaoka betreten, "Dann mal los!" gerufen und ihre Audienz eröffnet, eine Macherin in der Tracht japanischer Hausfrauen, mit rosa Polohemd und praktischer Kurzhaarfrisur. Herzlich wirkt sie – es sei denn, man erinnert sich an Sätze wie diesen: "Es gibt drei Arten von Menschen: Familie, Feinde und Untergebene."