Brasilien ist kein Land für Anfänger, sagen die Fachleute. Weil es nicht immer leicht ist, im Dschungel der großen Städte und einer undurchsichtigen Verwaltung die Übersicht zu behalten. Aber hier, auf dem glatten Wasser des Rio Negro im weiten Schwemmland des Pantanals, ist keinerlei Vorsicht geboten vor menschlicher Arglist. Hier darf der Reisende ungestraft zum staunenden Grünschnabel mutieren. Den Mund aufsperren wie ein Kaiman bei Mittagshitze. Eine Gruppe von sechs Riesenotter schwimmt vor unserem Boot, verschwindet im braunen Wasser und taucht wieder auf. Einer aus der Gruppe stützt sich auf einen im Wasser hängen gebliebenen Ast und kaut zufrieden einen zappelnden Fisch. Zwei Hyazinth-Aras schrecken auf und flattern auf einen hohen Baum. Solches Federvieh sieht man sonst nur, wenn es sich mit krummen Beinen an ein Käfiggitter krallt. Wer weiß denn noch, dass diese Papageien, ausgestattet mit einem kräftigen Schnabel und feinen gelben Ringen um die Augen, überhaupt fliegen können? Sie können und landen weich auf einem schwankenden Ast. Hyazinth-Aras und Riesenotter sind vom Aussterben bedroht.

Brasilien entdeckt den Ökotourismus. Als Alternative zu Strand, Samba und Karneval empfiehlt das Tourismusministerium Wanderungen in einem der 25 dafür geeigneten Nationalparks, Tauchgänge in unterirdischen Grotten, Exkursionen zur Beobachtung der Tierwelt am Amazonas und im Pantanal. Wobei die Chancen, Tiere zu sehen in dem von Flüssen, Seen, Wäldern und natürlichem Weideland durchsetzten Feuchtgebiet im mittleren Westen des Landes, wesentlich größer sind als im dichten Urwald des Amazonas. Deshalb bin ich hier am Rio Negro im Bundesstaat Mato Grosso do Sul, auf der Fazenda Barranco Alto von Marina Schweizer und Lucas Leuzinger. Von den 650 Vogelarten, die im Pantanal zu Hause sind, haben die beiden hier selber schon über 400 beobachtet und sorgsam katalogisiert.

Lucas Leuzinger, Sohn eines Schweizer Wissenschaftlers, ist in Rio de Janeiro aufgewachsen. Er studierte Molekularbiologie in Zürich. An der Universität lernte er Marina kennen, eine schweizstämmige Brasilianerin, Agronomin. Sie heirateten, und seit sieben Jahren führen sie nun mit vielen neuen Ideen die Fazenda Barranco Alto, die zum Familienbesitz der Ehefrau gehört. 

Gestern saßen wir unter dem prallen Mangobaum vor dem Gästehaus. Ein Nandu hatte sich auf die Wiese verirrt, eine Mücke in mein Ohr. Lucas erzählte von seiner Begegnung mit Barbie. Lucas Leuzinger ist 40, groß und so zäh, wie einer sein muss, der drei Berufe ausübt: Viehzüchter, Touristenführer und Forschungsassistent. Barbie ist das Jaguarweibchen, das in der Gegend herumstreift und Objekt einer Studie ist, die herausfinden will, wie viel Territorium die Katze beansprucht. Deshalb hat sie ein Senderband um den Hals. Lucas hatte seine Antenne in den Himmel gestreckt und war den Signalen gefolgt. Bis er plötzlich das Knurren hörte, wenige Meter von sich entfernt, und dann zog er sich schnell zurück. Das heißt langsam, denn die Regel besagt, dass man den Jagdinstinkt des Tieres nicht durch rasche Bewegungen herausfordern soll. Aber er verlor keine Zeit damit.

11.000 Hektar umfasst die Fazenda Barranco Alto, dazu gehören 1800 Rinder, gehütet von einem halben Dutzend Vaqueros. Wenn im Sommer der südlichen Erdhälfte der große Regen fällt und die Flüsse 80 Prozent des Landes überschwemmen, ziehen sie sich auf die kleinen Anhöhen zurück. Seit 250 Jahren kämpfen die Menschen mit den widrigen Bedingungen dieser Umgebung, und ganz nach alter Tradition tragen die Vaqueros der Fazenda einen Revolver am Gurt, der Jüngste Kaliber .22, der Vorarbeiter das größte, .357 Magnum. Sie haben 54 Pferde zu ihrer Verfügung, und wer will, kann mit ihnen ausreiten. Zur Fazenda gehören auch ein Haus für Wissenschaftler und eine Unterkunft für eine Handvoll Touristen. Die saßen gestern alle unter Lucas’ Mangobaum, und einige nahmen sich vor, der Spur des Jaguars zu folgen.