Über den Wipfeln ist Ruh, aber im Tal brummt und summt die A6 in Richtung Frankreich. Ich wandere durch den Stiftswald bei Saarbrücken . Hier im Saarland ist meine neue Heimat. Ob es so etwas wie eine neue Heimat geben kann oder ob Heimat immer »alt« sein muss, sei nun mal dahingestellt. Auf jeden Fall bin ich seit einem Jahr Neu-Saarländer, wegen der Liebe bin ich ins kleinste Flächenbundesland im Südwesten gezogen.

Eher durch Zufall habe ich vom Saarbrücker Stadtrundweg gehört. Die Landtagswahlen am 30. August sind eine schöne Gelegenheit, diesen Weg mal abzuwandern, dachte ich, vielleicht kann ich so erfahren, wie der Saarländer tickt. Der Saarbrücker Stadtrundweg ist 45,9 Kilometer lang, an einem Tag schafft man das nicht, ich gehe ihn in drei Abschnitten. 917 Höhenmeter sind zu überwinden, das ist in der Summe fast schon alpin. So weit die Fakten.

Die Frage ist, kann ein Weg, der um eine Stadt herumführt, wirklich »schön« sein? Schöne Wanderwege gibt es im Saarland reichlich. Über vierzig sogenannte Premiumwege sorgen für eine unvergleichliche Dichte des Wanderglücks. Den Saarbrücker Stadtrundweg schmückt kein Gütesiegel, dafür ist er zu asphaltiert, zu laut, zu stadtnah.

Inzwischen lichtet sich der Stiftswald immer mehr, ich erreiche die Spicherer Höhen, zwei Stunden bin ich nun unterwegs. Ich gehe über blutgetränkten Boden. Im Deutsch-Französischen Krieg starben hier über 1000 Soldaten. Genau an dieser Stelle ließ General François am 6. August 1870 sein Leben. Der General kämpfte, trotz des eigentlich eindeutigen Nachnamens, für die deutschen Farben. »Geht es voran?« sollen seine letzten Worte gewesen sein. Sein Einsatz hat im Endeffekt nichts gebracht – das Kultrestaurant Woll auf den Spicherer Höhen liegt längst wieder auf französischem Territorium. Genug Hunger zum Einkehren habe ich noch nicht, aber ich möchte eine kleine Geschichte erzählen, die ich kürzlich »im Woll« erlebt habe.

Ich bin mit meinem Freund Ludger vor einigen Wochen dort gewesen. Ludger war das erste Mal im Saarland. Mit dem Saarland verband Ludger nur Oskar Lafontaine, den kannte er aus den Polit-Talkshows von Will, Plasberg und Illner. Und wie ich so mit Ludger im Woll sitze, thront der Oskar doch tatsächlich als sein eigenes touristisches Denkmal am Tisch gegenüber, knuspert Froschschenkel und trinkt ein Glas Weißwein, um sämtlichen Klischees gerecht zu werden.

Ja, der Oskar, seufzen sie im Saarland, ach, der Oskar. Wenn man sich an der Saar umhört, werden die Linken, Oskars Partei, gemieden, so es denn geht. Selbst SPD und Grüne, wie soll ich sagen, kuscheln lieber mit der CDU und der FDP. Am liebsten hätten viele hier nicht die Ampel, die Schwampel oder die Jamaika-Koalition, sondern eine Farbkasten-Koalition aus allen Parteien. Hauptsache, die Linken regieren nicht mit.

Heute ist der Oskar aber anscsheinend nicht im Woll. Ich gehe weiter, steige steil die Spicherer Höhen hinab. Ich erreiche die Autobahn in Höhe des ehemaligen Grenzübergangs Goldene Bremm. Klar, eine Grenze gibt es immer noch, und zeitweise kontrollieren auch noch Zöllner, aber Schengen sorgt für sehr freie Fahrt. Das rote S auf Weiß und Blau, das Zeichen des Saarbrücker Stadtrundwegs, führt mich über den Lkw-Parkplatz. Ein paar Fernfahrer kochen sich ihr Süppchen neben dem Brummi, einer schlurft zum Toll-Collect-Häuschen und bezahlt seine Lkw-Maut. Ich unterquere die Autobahn und wandere an einer Autobahnraststätte vorbei. Hier könnte man auch eine Wanderpause auf dem Saarbrücker Stadtrundweg einlegen, eine, nun ja, interessante Alternative zu den Froschschenkeln bei Woll. Schon merkwürdig, ich bin bislang noch nie an einer Autobahnraststätte vorbeigewandert.

 

Der Umweltminister befahl kürzlich: »Schwimmen Sie in der Saar!«

Jetzt mache ich im Uhrzeigersinn einen großen Bogen um die Stadt. In einem ausgedehnten Mischwald, dem Stadtwald Saarbrückens, verlasse ich die Bundesrepublik Deutschland . Nach hundert Metern auf französischem Boden zeigt mir ein blaues Schild mit den europäischen Sternen an: Ich bin schon wieder in Deutschland! Dieser Wanderweg wechselt seine Nationalität im Minutentakt.

Dann geht es über die Saar. Namensgebender Fluss für die Stadt und das Land. Der Umweltminister des Saarlands befahl kürzlich öffentlich: »Schwimmen Sie in der Saar!« Ich bin dieser ministerialen Anordnung natürlich sofort gefolgt. Und das Wasser war, obwohl es eher bräunlich daherkommt, ausgezeichnet und überaus erfrischend.

Nur mit den Ortsnamen muss man im Saartal aufpassen. Dort, wo die Saar in die Mosel mündet, heißt der Ort Konz und nicht Saargemünd. Und dort, wo die Blies in die Saar mündet, heißt der Ort nicht etwa Bliesgemünd, sondern Saargemünd, seit einigen Jahrzehnten Sarreguemines. Wer soll sich da auskennen?

Auf der nördlichen Saarseite führt der Saarbrücker Stadtrundweg weiter durch Burbach. Burbach ist nicht schön. Alte Arbeitersiedlung, inzwischen geschlossene Gruben und Hütten. Wunden in der Landschaft, Wunden in den Seelen der Bewohner. Einige IT-Betriebe haben sich hier angesiedelt, Häuser und Wohnungen in Burbach gelten als unverkäuflich. Strukturwandel kann sehr wehtun.

Aber auch das namensgebende Tal des Burbachs gehört noch zu diesem Stadtteil, und dort ist es ausgesprochen schön. Ich laufe an einem Weiher entlang, der den Wanderer, den Angler und den Gassiführer entzückt. Dann weiter durch einen zauberhaften Jungbuchenwald. Kurz verlasse ich den Saarbrücker Stadtrundweg und klettere eine Böschung hinauf. Nach ein paar Metern erreiche ich eine stillgelegte Bahnstrecke, die Schienen sind schon entfernt, die Schwellen liegen noch. Ich passe meine Schrittlänge dem engen Schwellenabstand an. Dies war einmal die älteste Bahnstrecke des Saarlands, 1852 wurde sie zwischen Saarbrücken-Burbach und der Grube Von der Heydt gebaut.

Fast hätte im Saarland die Geburtsstunde des deutschen Eisenbahnwesens stattgefunden. Schon 1819 ließ man sich eine fahrende Dampfmaschine aus England kommen. Anscheinend war aber die Gebrauchsanweisung beim Transport verloren gegangen, weshalb man das Ding nicht zusammengebaut, geschweige denn zum Fahren bekam. So fuhr die erste Dampflok 1835 zwischen Nürnberg und Fürth und nicht 1819 zwischen Saarbrücken und Von der Heydt.

Es gab 1500 Bergwerksschächte. Das ganze Land ist unterhöhlt

Ich bin zurück auf dem Saarbrücker Stadtrundweg. Am Wegesrand steht die Ruine eines Backsteinbaus. An der Metalltür ein Aufkleber: »Boote«. Man kann hineingehen, und ein Schiffsrumpf aus Plastik hängt noch von der Decke herab. Kuriose Idee, hier Boote bauen zu wollen. Aber das war auch nur die Zweitnutzung des Gebäudes. Es handelt sich um ein ehemaliges Haus der Grube Amelung im Burbachtal. Diese Grube wurde in den sechziger Jahren aufgegeben, sie gehörte zur Bergwerksdirektion III des Saarlands. Ungefähr 50 Schächte verwaltete die Bergwerksdirektion III, 1500 gab es im ganzen Saarland, das Land ist völlig unterhöhlt. Das verursacht Probleme. Erdbeben, Risse in den Häusern, Proteste der Bevölkerung.

Ich verlasse das Burbachtal und gehe bergauf durch den Saarbrücker Ortsteil Von der Heydt. Hier bauten die Preußen riesige Schlafhäuser aus Backstein für Hunderte Bergleute. Die kamen aus den ländlichen Regionen des nördlichen Saarlands und wanderten bis zu 50 Kilometer zu ihren Arbeitsstätten »uff der Grub«. Frauen und Kinder kümmerten sich um die Landwirtschaft, während die Männer unter Tage waren. Hartfüßer wurden diese Bergbau-Pendler genannt. Ganz so schlimm ist es bei mir noch nicht, ich habe gutes Schuhwerk.

Ich unterquere die A1 in Richtung Trier, Köln, Hamburg und Puttgarden. Und befinde mich in einem Wald, der den Wandel des Saarlands wie kein anderer verdeutlicht. Es ist der Saarkohlenwald. Zur Blütezeit der Gruben und Hütten gab es dort wenige Bäume, viele Halden, die Luft war gelb. Ortsnamen wie Saarbrücken-Russhütte erzählen von dieser Zeit. Heute ist der Himmel über Saarbrücken blau, die Luft ist frisch, und der Wald heißt »Urwald vor den Toren der Stadt«. Es wird dort keine Forstwirtschaft betrieben, wenn Bäume fallen, bleiben sie kreuz und quer liegen. Einiges sieht für einen Urwald allerdings noch sehr aufgeräumt aus, aber wir sind ja auch nicht am Amazonas , sondern an der Saar.

Ich wandere durch den Urwald, gehe über eine Straße und bin im Stadtwald St. Johann. Schwach weht Torjubel heran. Je weiter ich komme, desto intensiver wird er. Die treffen aber oft das Tor, denke ich. Ich höre die Torschreie der Fans des 1. FC Saarbrücken. Ich nähere mich dem Ludwigspark-Stadion. Die FCS-Fans bejubelten in der Saison 2008/09 Siege gegen den SV Roßbach-Verscheid, gegen TuS Mechtersheim und gegen den SV Alemannia Waldalgesheim.

Neulich brannte Peter Müllers Grill. So was bleibt hier nicht geheim

Am Ludwigspark vorbei gehe ich durch den Stadtteil Rodenhof und überquere später einen Güterbahnhof. Das ist eine tolle Erfahrung, aber nicht gerade das, was man mit einer »schönen« Wanderung verbindet. Über mir verläuft der vierspurige Autobahnzubringer. Immer wenn ein Lkw dort entlangfährt, wackelt die Fußgängerbrücke, auf der ich gehe. Sie ist mit dünnen Stahlseilen an der Autobahnzubringerbrücke befestigt. Unter mir bremst kreischend eine Rangierlok. Wer Ruhe und Besinnung sucht, ist auf dem Saarbrücker Stadtrundweg falsch, so scheint es. Stimmt aber nicht, und das ist das Großartige an diesem Wanderweg. Wenige Minuten nach dem Güterbahnhof erreiche ich den Staatsforst Saarbrücken. Mit jedem Schritt dämmen die Bäume mehr und mehr den Lärm. Und dann stehe ich inmitten einer Idylle, die einem fast die Tränen in die Augen treibt. Ein kleiner Weiher, eine tief hängende Tanne, eine alte Bank darunter. Unglaublich, dass ich gerade noch durch die optische und akustische Hölle am Güterbahnhof gegangen bin. Herrlich ist es hier, der schönste Ort auf den 46 Kilometern rund um Saarbrücken.

Ich gehe weiter zur Universität. Dort hat mein Vater in den fünfziger Jahren studiert. Damals war er in Saarbrücken als gebürtiger Trierer Ausländer, ein Reichsdeutscher. »Die aus dem Reich«, so nennen die Saarländer heute noch die Menschen aus den anderen 15 deutschen Bundesländern. Bis 1959 gab es im Saarland sogar noch eine eigene Währung, den saarländischen Franken.

Für viele Saarländer allerdings ist der schönste Teil des Saarbrücker Stadtrundwegs der Schlachthof im Herzen der Stadt, den ich zwei Stunden nach der Universität erreiche. Wie die Familien Capulet und Montague in Romeo und Julia stehen sich hier die saarländischen Großschlachtereien Schröder und Schwamm gegenüber. Berühmt sind sie beide für ihre Lyoner, die runde Fleischwurst, und den Schwenker. Das mit dem Schwenker muss man erklären: Der Schwenker ist ein Homonym mit dreifacher Bedeutung, andere nennen so etwas Teekesselchen.

Erstens heißt das Grillgerät, bei dem der Rost nicht statisch ist, sondern über der offenen Flamme kreist: Schwenker. Und das Fleisch, das man auf den Schwenker legt, heißt auch Schwenker. Und der Mann am Schwenker (»Noch nie ist eine Frau am Schwenker gesichtet worden«, Zitat eines Ur-Saarländers), der den Schwenker auflegt, heißt auch Schwenker. Lyoner und Schwenker sind ein saarländischer Identitätsmythos. »Gott lenkt, der Mensch denkt, der Saarländer schwenkt«, heißt es hier.

Vielleicht entscheiden ja auch die Fähigkeiten am Schwenker-Grill die saarländische Landtagswahl am 30. August. Dem amtierenden Ministerpräsidenten unterlief nämlich ein kleines Missgeschick. Sein Grill brannte, die Feuerwehr musste kommen und in Peter Müllers Garten löschen. So stand es in der Saarbrücker Zeitung auf Seite 1, ein solcher Fauxpas bleibt im Saarland nicht geheim. Der eigentliche Skandal aber war, dass der MP nicht geschwenkt hatte, sondern auf einem Gasgrill grillen wollte. UM GOTTES WILLEN! Der erste Saarländer im Lande schwenkt nicht, sondern GRILLT. SPD-Chef Heiko Maas sagt, was die größte Beleidigung für einen Saarländer ist: »Schon dein Vater konnte nicht schwenken.« Und Lafontaine analysiert auf seinen Wahlkampfveranstaltungen intellektuell brillant: »Mir brauche kenner, der net schwenke kann.« Man geht im Saarland davon aus, die Gasgrill-Geschichte könnte Peter Müller zwischen zwei und fünf Prozent bei der Wahl kosten. Mal sehen.

 

Direkt nach dem Schlachthof überquert der Saarbrücker Stadtrundweg wieder die Saar und beginnt erneut seine südliche Schleife. Dann geht es wieder hoch in den Stiftswald über der A6.

 Der Saarbrücker Stadtrundweg ist im wahrsten Sinne des Wortes eine runde Sache. Er ist nicht der schönste Wanderweg des Bundeslandes. Die touristischen Höhepunkte der Landeshauptstadt wie das Schloss, der St. Johanner Markt und die Ludwigskirche bekommt man auf ihm nicht zu sehen. Aber der Weg ermöglicht einen schönen Einblick in das Wesen des Saarlands, das macht ihn unverzichtbar. Und auf jeden Fall sollte man im Restaurant Woll vorbeischauen… Vielleicht ist der Oskar morgen ja schon wieder da.

Information Stadtrundweg

Anreise: Als Startpunkte empfehlen sich die Stationen Kieselhumes (beim Stiftswald) oder Heinrichshaus (im Ortsteil Von der Heydt) der Straßenbahn Linie 1 und der DB-Halt Saarbrücken-Burbach

Unterkunft an der Wanderroute: Victor’s Residenz-Hotel, Deutschmühlental, Am Deutsch-Französischen Garten, 66117 Saarbrücken, Tel. 0681/588210, www.victors.de . DZ ab 105 Euro, Frühstück 15 Euro. Etap Hotel, Mainzer Straße 171, 66121 Saarbrücken, Tel. 0681/6852020, www.etaphotel.com . DZ ab 47 Euro, Frühstück 6 Euro

Restaurants: Restaurant Woll, 80, rue des Hauteurs, F-57350 Spicheren, Tel. 0033-387853102, www.restaurant-woll.com . Geöffnet: Di ab 17 Uhr, Mi–So ab 11.30 Uhr; Naturfreundehaus, Kirschheck 70, Tel. 0681/74777, www.kirchheck.naturfreunde-saarland.de . Geöffnet: Di–So 10–22 Uhr; die Mensa der Universität, Geöffnet: Mo–Fr 11.30–14.15 Uhr

Auskunft: Kongress- und Touristik Service Region Saarbrücken, Tel. 0681/938090, www.saarbruecken.de . Weitere Informationen unter www.saarkohlenwald.de , www.saar-urwald.de

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