Einen meiner Klassenkameraden hat das Sandmännchen einmal zum Weinen gebracht. Als unsere Lehrerin fragte, wie viele Sandmännchen wir denn am Abend guckten, sagte der neunjährige Udo wahrheitsgemäß, dass er erst das eine und dann das andere gucke. Er wurde zum Direktor geschickt und lief dann schluchzend nach Hause.

Es war klar: Familie W. guckt Westfernsehen!

Das war der perfide Nebeneffekt der ansonsten recht friedlichen Koexistenz von Ost- und West - Sandmann .

Schon im Sommer 1959 hatte der SFB die ersten Episoden des Sandmännchens abgedreht. Erst als die Hör zu im November den Start des Sandmännchens für den 1. Dezember ankündigte, wurden die Fernsehmacher der DDR aktiv. Es konnte nicht sein, dass der seit einem Jahr laufende Abendgruß des Fernsehens der DDR Konkurrenz bekommen sollte. Wenn die DDR dem Motto "Überholen, ohne einzuholen" jemals gerecht wurde, dann mit der Schaffung ihres Sandmännchens. Innerhalb von zwei Wochen entwickelte man die Figur. Da man über das Konzept der Westsendung nichts wusste, auf jeden Fall aber besser sein wollte, wurden für die Herstellung keine Kosten und Mühen gescheut. Der SFB wiederum tat gerade dies, und was dann eine Woche nach dem Ost - Sandmann über die Bildschirme flimmerte, war eine Handpuppe, die einem verhutzelten bösen Zwerg glich. Den Wettlauf, wer seinen Kindern zuerst Sand in die Augen streut, hatte die DDR mit dem provokanten Titel Unser Sandmännchen klar gewonnen.

Ja, ich habe mir auch zweimal am Abend Sand in die Augen streuen lassen. Müde geworden bin ich nie. Sah ich das Ost-Sandmännchen, kam ich aus dem Staunen nicht raus, durfte es doch ins kapitalistische Ausland reisen. In Afrika kurvte es sogar mit einem englischen Landrover herum! Und mein Vater wartete schon zwölf Jahre lang auf seinen Wartburg! Sandmanns Fuhrpark, von der Taucherglocke bis zur Rakete bestens bestückt, war größer als der eines Ölmagnaten. Wie bescheiden nahm sich dagegen der West-Sandmann aus: kam auf einem Wölkchen daher mit Geschichten aus einem Kofferfernseher! Nein, sieht man von seinen Besuchen bei den Grenztruppen einmal ab, wirkte das Ost-Sandmännchen wie ein lieber, spendabler Großindustrieller, während sein Kollege aus dem Westen wie ein verträumter Proletarier daherkam. Nach 30 Jahren wurde der West -Sandmann eingestellt. Am Samstag feiert der Ost-Sandmann in Babelsberg seinen 50. Gutes Alter. Es geht den Kindern wie den Frauen: Man will schon jemanden, der einem was bieten kann. Vor allem, wenn man sich von ihm ins Bett bringen lässt.