Öko-Grillen mit Solarzellen © Sean Gallup/Getty Images

Die popkulturelle Komponente besteht hauptsächlich aus Öl. Kalt gepresstem Olivenöl mit Rosmarin, Thymian, Zitronensaft und etwas Knoblauch, abgemischt von Karl Lauterbach, dem Gesundheitsexperten der SPD. Es handelt sich um eine Marinade für Grillgut. Eine Marinade mit politischer Bedeutung, wir kommen darauf zurück.

Einstweilen stehen die zwei Grillhelferinnen von der SPD Leverkusen etwas unsicher vor der ölgefüllten Tupperdose, die Lauterbach ihnen mitgebracht hat. Die Lachsstücke erst eintunken, dann mit Alufolie umwickeln und auf den Rost legen, so lautete seine Direktive. Ein bisschen seltsam, finden die Frauen; so grillen sie daheim nicht. Aber dies wird ja auch kein normales Barbecue, sondern ein Wahlkampftermin mit Professor Lauterbach, mitten auf dem Bauernmarkt des Leverkusener Ortsteils Schlebusch.

Die ersten Besucher treffen ein. Lauterbach schüttelt Hände, tröstet eine ältere Dame, die wissen will, warum es ihrer SPD so schlecht geht, studiert den Prospekt Lebendiges Leichlingen gemeinsam gestalten, den ein Parteifreund ihm hinhält. Auch im Marktgewimmel bemerkt man ihn sofort. Er ist ziemlich kauzig gekleidet. Ein blaues, sichtlich neues Bürohemd, die Packfalten sind noch drin. Eine jugendliche Jeans, die mindestens eine Nummer zu weit ist. Und natürlich die obligate knallrote Fliege. Womöglich hat er sich ausgerechnet, dass gerade das Kostüm des entrückten Privatgelehrten ihn vertrauenswürdig erscheinen lässt. Karl Lauterbach überlegt sich solche Dinge.

Auch der Grill ist ein Hingucker. Er funktioniert ohne Kohle oder Strom, nur mit gebündeltem Licht. Man stellt ihn sich am besten als verspiegelte Satellitenschüssel mit einem Rost in der Mitte vor. Die Bürger staunen. Ob das mal gut geht? Wenn, dann heute, am heißesten Tag des Jahres. Die Sonne brennt auf den Schlebuscher Marktplatz. Ihre Strahlen sammeln sich im Parabolspiegel und heizen dem Fisch von unten ein.

In einem Artikel über Karl Lauterbach stand mal, ihm, dem Großvisionär, Harvard-Absolventen, Kölner Professor für Gesundheitsökonomie und Epidemiologie, fehle das Gespür für die "Würstchenwender". Gemeint waren die Genossen an der Basis, die auf Stadtteilfesten und Verbandsjubiläen um jede einzelne Stimme werben. Schon möglich, dass ihn das gewurmt hat und zu seinem Vorstoß im Frühjahr beitrug. Grillen sei gesundheitsgefährdend, verkündete er, kaum dass die Saison begonnen hatte. Das sah wie ein politischer Fauxpas aus; wer wählt schon Spielverderber? Aber Lauterbach kriegte noch die Kurve – mithilfe der Marinade. Sie soll nämlich nicht nur den Geschmack des Grillguts verbessern, sondern auch als Schutzfilm verhindern, dass von der Kohle aufsteigende Gase an der Fleischoberfläche krebserregende Verbindungen bilden. "Die Marinade war die popkulturelle Komponente, die ich brauchte, um die Sache ins Positive zu wenden", sagt er heute.

Seitdem grillt der Vegetarier Lauterbach sich durch das Land – zwei, drei Termine die Woche. Und weil er ahnt, dass die Gesundheitsmarinade nicht ewig zieht, leitet er in Leverkusen ein, was er "die zweite Stufe der Kampagne für nachhaltiges Grillen" nennt. Denn auch der Solargrill erfüllt einen politischen Zweck. Er hilft Lauterbach dabei, Parteiprominenz in seinen Wahlkreis zu holen: den Bundesumweltminister. Nun könnte man fragen, wie die zwei Kampagnenstufen zueinanderpassen, wozu solar erhitzter Fisch überhaupt einen Schutzfilm braucht. Ohne das Öl wäre er wohl gesünder. Aber seit wann ist Popkultur logisch?

Der Lachs verfärbt sich allmählich von Rot zu einem halbgaren Orange, als Sigmar Gabriel eintrifft. Außer seinen Bodyguards ist er der Einzige, der heute, bei 35 Grad, Anzug trägt. Für die Kameras hält er ein Klimaschutz-Banner in die Höhe. "Was steht denn da drauf?", will er wissen. Gabriel ist ein Lasst-mich-mal-Typ, wie man ihn am Grill erwartet. Dass er auf diesem Fest nur der Stargast ist, scheinen bald alle vergessen zu haben, einschließlich seiner selbst. Leutselig stellt er den Leverkusenern ihren Bundestagsabgeordneten vor: "Er hat nicht nur eine eigene Fliege, sondern auch eine eigene Meinung." Lauterbach steht reglos neben ihm, konzentriert wie ein Musterschüler, der gleich sein Gedicht vortragen wird.