Ein Tag Menschheit in Berlin – Seite 1

Rein körperlich könnte es gehen. Mit wenig essen und viel trinken, nur Wasser und dünnen Tee, alle paar Stunden einen Espresso. Mit Atem- und Dehnübungen. Man kann ja sehr gut Gymnastik machen vor dem Fernseher, man kann den Kopf aus dem offenen Fenster halten, damit Sauerstoff in die Hirnzellen kommt. Ab und zu wird ein kurzer Spaziergang nötig sein. Dann eben schnell wieder zurück: zum Weitergucken. Einen Tag und eine Nacht lang. Von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr am nächsten Morgen. Man hält ja auch bei Filmfestivals erstaunlich lange durch, schaut sich fünf Filme hintereinander an oder bei Langstreckenflügen zwei Krimis und zwei amerikanische Liebeskomödien am Stück. Aber eben Krimis und Komödien.

Der wirkliche Gegner des Versuchs, einen 24-Stunden-Dokumentarfilm auf dem privaten Fernsehbildschirm zu verfolgen, dürfte – so die Vermutung, als an einem Samstagmorgen Ende August morgens um 5.30 Uhr der Wecker klingelt – nicht die körperliche Kondition sein. Sondern die Langeweile. Denn was dieser Filmriese darstellt, sind keine mitreißenden exotischen Abenteuer und Szenarien, in deren Nähe das eigene Leben nie gelangen wird. Sondern das, was man vom eigenen Leben zur Genüge kennt: Alltag. Berliner Alltag. Und um das 24 Stunden lang spannend zu finden, reichen Wille und Augenpads eventuell schwer aus. Ruttmanns Symphonie einer Großstadt war schließlich ein Zehntel so lang.

Es ist ein einzigartiges Projekt der deutschen Fernsehgeschichte, ein Projekt von guinnessrekordartigem Format, produziert mit einem gigantischen logistischen Aufwand. Ersonnen von dem Dokumentarfilmer Volker Heise, unter seiner Stabsleitung auch realisiert, unter anderen von den Sendern Arte und RBB finanziert. Der Titel des Projekts 24h Berlin. Ein Tag im Leben ist schlicht und genau so gemeint. Denn dieses dokumentarische Mammutunternehmen hat nichts anderes vor, als die Realität einer Großstadt, der deutschen Hauptstadt, in ihrer exemplarischen Breite einen Tag lang rund um die Uhr abzubilden. Ein Querschnitt also durch die Zeit und durch den urbanen Raum. Ein Querschnitt folglich auch durch die Berliner Gesellschaft. Ein Tag Menschheit.

Vom Abschlepplasterfahrer Harry W., typischer Berliner Icke-Gemütsmensch mit kleinem Ring im Ohr, bis zu Daniel Barenboim. Vom Heroin-Junkie bis zum Chefredakteur der Bild- Zeitung Kai Dieckmann, der seinen Tag auch mit einer Art Sucht verbringt, der zähen mechanischen Suche nach der perfekten Titelschlagzeile. Von der Gebärenden, die auf der Geburtsstation der Charité Stunde um Stunde in den Wehen liegt, bis zum Küster des Krematoriums Baumschulenweg, der Stunde um Stunde Särge aufstellt, Särge weitertransportiert. Von der Dragqueen Gloria Viagra bis zur exklusiven Hutmacherin am Prenzlauer Berg, die stilvoll im Café frühstückt. Von den Russlanddeutschen, die sich am Nachmittag mit anderen Russlanddeutschen zu Tanz und Musik treffen, bis zum französischen Korrespondenten des Senders France Deux, der mit seiner Familie eine elegante Wohnung am Gendarmenmarkt bewohnt. Vermutlich, weil Berlin in dieser Gegend noch am ehesten eine Ähnlichkeit mit Paris hat. Von der 81-jährigen Rentnerin, die Pillen gegen ihren hohen Cholesterinspiegel einnimmt, leidenschaftlich gerne kocht und dem Filmteam von 24h Berlin bei jeder Mahlzeit erklärt, dass Essen ohne sehr viel Butter eben kein Essen ist, bis zum Kammerjäger, der am Nachmittag ein von Fliegenbefall geplagtes Wohnhaus aufsucht und hinter der Heizungsraumtür auf die verwesende Leiche eines erhängten Selbstmörders stößt. Von der elfjährigen Marta aus Burkina Faso, die Olympiasiegerin werden will und eisern Tennis trainiert, bis zu Klaus Wowereit, dem Regierendem Bürgermeister dieser Stadt, die der Mann aus kleinen Verhältnissen so gut verkörpert. Weil Berlin, wenn es sein muss, zwar auf Weltmetropole macht, sich aber am besten fühlt, wenn es die größte Kleinstadt der Welt sein darf. Selbstbewusst plebejisch. Tolerant gegenüber allerlei Außenseitern. Wozu auch die neue Berliner Bourgeoisie gehört, die bei Michael Hoffmann, dem Chef des Nobelrestaurants Margaux am Pariser Platz, für den fangfrisch aus Frankreich gelieferten Fisch mit großen Scheinen bezahlt.

5. September 2008. An diesem Tag verteilten sich 80 Drehteams (darunter die Elite des deutschen Dokumentarfilms, Volker Koepp, Andreas Veiel, Romuald Kamarkar und so weiter) in Berlin und filmten 24 Stunden lang die Normalität von Ber- linern. Sie filmten Arbeitsplätze, Wohnungen, UBahn-Fahrten, kleine und größere Dramen. Über 500 Stunden Filmmaterial kamen zustande. In einer olympischen Dramaturgie- und Schnittarbeit entstand daraus der 24-Stunden-Film, der genau ein Jahr später, am kommenden Samstag, dem 5. September 2009, auf Arte und RBB ausgestrahlt wird. Von sechs Uhr morgens bis sechs Uhr am nächsten Morgen. Gleichsam in Echtzeit. Denn was ein Jahr zuvor bei dem Brautpaar Johanna und Peter um 10.33 Uhr geschah und gefilmt wurde, wird auch um 10.33 Uhr zu sehen sein.

Und warum das Ganze? Fragt sich die Journalistin, die genau eine Woche vor der Ausstrahlung mit dem ersten Morgenespresso vor ihrem Fernseher Platz genommen hat und die erste DVD einschiebt. Warum zusehen, wie jetzt, um 6.10 Uhr, eine junge Frau mit knallrot gefärbten Haaren ihre Arbeit am Montageband bei Opel aufnimmt? Wie kurz darauf, 6.32 Uhr, Harry W.s Lebensgefährtin mit frischen Brötchen von der Nachtschicht nach Hause kommt und trotz Müdigkeit noch die erzieherische Kraft aufbringt, dem Jungen den ständig eingeschalteten Nintendo aus der Hand zu zerren, während Harry W. sich selbst noch schnell ein Computerspielchen gönnt, bevor er das Haus verlässt, um den Tag über Autos abzuschleppen? Gut, so ist das Leben im Normalen. So ist Alltag. Man weiß es. Man könnte auch zeigen, wie eine seit sechs Uhr vor dem Fernseher sitzende Frau am Vormittag in die Küche flitzt, um Kräutertee zuzubereiten, da der dritte Espresso auf den Magen schlug.

Aber was daran ist interessant? Was, über einen gewissen sportlich-dokumentarischen Ehrgeiz hinausgehend, relevante Kunst? Und was neu? Denn der Versuch, Wirklichkeit so direkt und authentisch wie möglich in ein Medium zu übertragen, Erzählzeit und erzählte Zeit so eng wie möglich zu parallelisieren, ist ja keine ganz frische Idee. Es ist eher eine alte Idée fixe der Moderne. James Joyce hat für die Literatur das ästhetisch Mögliche geleistet. Antonioni und Hitchcock träumten für den Film davon, und am Ende triumphierte nicht die Kunst, sondern die Technik. Internet und Webcam sind von keinem Cineasten überbietbar.

 

Cineastische Überlegungen sind jetzt aber schon sehr weit weg. Es ist früher Nachmittag. Die zurückliegenden acht Stunden waren leicht zu schaffen, und gerade wird es wirklich spannend. Beim Brautpaar Peter und Johanna in Reinickendorf bahnt sich ein Eklat an. Sie sind fix und fertig angezogen – Peter im schwarzen Anzug, Johanna in einem ausgesprochen schicken Neckholderkleid – und kurz davor, sich zu der evangelischen Freikirche zu begeben, wo die Trauung stattfindet. Und plötzlich Streit. Johanna hat eine Visagistin kommen lassen, um sich für die Hochzeitsbilder herrichten zu lassen. Peter sieht das Ergebnis und ist entsetzt. Er wolle eigentlich Johanna heiraten, blafft er, nicht eine bemalte Puppe. Die Visagistin lächelt süffisant. Zum Abschminken sei es jetzt aber zu spät. Peter steht kurz vor der Explosion. Kräutertee, Espresso, Atemübungen, Gymnastik vor dem Fernseher sind jetzt so nebensächlich wie Reflexionen zur Echtzeit-Ästhetik der Moderne. Dieses Hochzeitsdrama ist nur mit Zigarette auszuhalten. Hauptsache, jetzt klingelt nicht das Telefon, weil eine Bekannte Kummer hat oder ein fürsorglicher Redakteur sich erkundigt, wie es so stehe. Ob man schon eine kritische Meinung habe zu 24h Berlin, ob man schon sagen könne, welches Bild der deutschen Hauptstadt der Film hervorbringe.

Kein unbekanntes, sensationell neues. Der Film hält sich ans Großmuster üblicher Großstadttopografie, arbeitet sich durch die Peripherie, durch die Wohnbezirke um den Fokus des Zentrums und kehrt in Luftaufnahmen immer wieder zu diesem zurück. Erwartbar ist auch das Gesellschaftsbild: viel Berliner Kleinbürgertum, eine Handvoll Promis, die typischen Berliner Exoten, der Neuköllner, der als Schamane tätig ist und in seiner Wohnung spirituelle Trommelweihen veranstaltet. Ein Hauch von Gutmenschentum ist spürbar. Einfache und einsame Herzen kommen etwas sympathischer rüber als der Immobilieninvestor. Lücken gibt es auch: kein Leistungssportler, kein Geldinstitut, kein ernst zu nehmender Intellektueller.

24h Berlin scheut weder Klischees noch Stereotypen, weicht vom sozialen Panorama des Bekannten nicht weit ab. Aber wie der Film darauf schaut, das ist die Sensation. Im Blick auf Menschen und ihr Leben liegt die enorme humane Leistung. In der Einführung jener Form der Neugier, die der intimitätsversessene vulgäre Voyeurismus der Boulevardmedien und des Trashfernsehens fast vergessen ließ: emphatisch teilnehmende, in jeder Sekunde respektvolle, Würde bewahrende und deshalb poesiefähige Betrachtung. Nicht "Symphonie einer Großstadt" ist der eigentliche ästhetische Referenzpunkt dieses Dokumentarfilms. Sondern ein viel massenmedialeres, bastardhafteres Genre, nämlich Reality-TV mit dem Erzählcharakter der Fortsetzungsserie.

Mit diesem heruntergekommenen Genre lassen sich Volker Heise und seine Kollegen ein, machen ihm verwegen Konkurrenz. Und gewinnen. 24h Berlin ist einfach sagenhaft unterhaltsam. Als cineastisches Kultprodukt eignet sich das Werk im Grunde nicht, obwohl es am kommenden Samstag bei diversen Public-Viewing-Veranstaltungen gezeigt wird. Es eignet sich als das, was es ist: Fernsehen im zeitlich Endlosen, wo man nebenbei bügeln und Tee kochen kann und mit einem Auge Menschen beim Leben zuschaut, wie man es auch sonst tut.

Und plötzlich die Krise. Nach der Halbzeit, zwischen 17 und 18 Uhr, setzt sie ein. Die Augendeckel klappen zu. Das darf jetzt nicht wahr sein. Jetzt fängt für all die, den Tag über ans Herz gewachsenen Protagonisten, für Harry W., Kai Dieckmann, die Russlanddeutschen und Daniel Barenboim, der Abend, fängt das Berliner Nachtleben an, nimmt Peter und Johannas Hochzeitsfest richtig Fahrt auf. All das auf keinen Fall zu verpassen ist jetzt einfach wichtiger als journalistische Berufsmoral. Es ist ja nicht die Fernsehausstrahlung vom 5. September, sondern eine private DVD-Besichtigung eine Woche vorher. Und DVDs lassen sich bekanntlich anhalten. Drei Stunden Pause also. Durch Berliner Straßen laufen, Leute anschauen und Ausschau halten, ob jemand dabei ist, den man seit einem Tag kennt und lieb gewonnen hat.

Sendetermin am 5.9., 6 Uhr, bis 6.9., 6 Uhr, auf RBB & Arte