Wir stehen nicht am Ende der Demokratie, wir fangen erst richtig an! Compassion! Tollkühne Worte waren das, auch anmaßend mussten sie für manche klingen. Und doch, was für ein Anfang war das am 28. Oktober im alten Plenarsaal am Rhein. Ein Paukenschlag sondergleichen war Willy Brandts Regierungserklärung 1969, und als journalistischer Anfänger in Bonn assoziierte ich das automatisch mit dem Parlament.

So hatte man’s gelernt, und so war es wirklich. Unglaublich. Bei "meiner" ersten großen Debatte, an die ich mich entsinne, am Tag nach dem Treffen von Willy Brandt und Willi Stoph in Erfurt am 20. März 1970, wurde das Gespräch bereits so übersetzt, dass man das gesamte Panorama der späteren Kontroverse vor Augen hatte. Brandt fing mit einer dialektischen Volte an. Ein "starkes menschliches Erlebnis" sei Erfurt gewesen, wo die Ostdeutschen begeistert "Willy, Willy!" gerufen hatten. Gezeigt habe sich, "dass es sich nicht um eine Fiktion, sondern um eine Realität handelt, wenn ich gestern in Erfurt erneut von der fortdauernden und lebendigen Wirklichkeit einer deutschen Nation gesprochen habe". Zwei deutsche Staaten seien füreinander kein Ausland. Klang harmlos und war doch sensationell.

Wir, die Bonner Journalisten, drängten uns auf der Tribüne. Um jedes Wort ging es! Politik ohne Filter und Phrase! Das gibt es. Andererseits Rainer Barzel: Sein ganzes Dilemma wurde schlagartig deutlich. Gutheißen wollte er im Prinzip Erfurt, die Leute hatten gejubelt. Im Nacken hatte der alerte Barzel jedoch seine entmachtete, frustrierte Fraktion. Also erlebte man ein schreckliches Jein-, Ja-aber-, So-nicht-Herumgedruckse. Eine Nation, "die aufhört, ihre Einheit zu wollen, gibt sich selbst auf, ein Rechtsstaat, der aufhört…"

Die Stieftochter brachte Herbert Wehner regelmäßig die Butterstulle

"Schmiere ist das!", platzte eine Stimme dazwischen. Richtig, Herbert Wehner war das, der Sozialdemokrat, das "Urgestein" persönlich. Dann bekam er das Wort. Es werde "nichts an ihnen vorbeientschieden", versicherte er den Christdemokraten, "aber auch nichts unterlassen, bloß weil sie schmollen". Puh! Wehner, das war klar, würde man im Parlament immer zuhören. Das war sein genuiner Politikort. Authentisches Leben spielte sich dort ab, Politik pur nämlich. Beides war eins. Plus Butterstulle, die ihm die Stieftochter regelmäßig brachte zum Durchhalten.

So ist Politik? Wunderbar! Das alles mündete am 24. April 1972 in dem Versuch, Brandt mithilfe eines konstruktiven Misstrauensvotums zu stürzen. Dieser Versuch, so Brandt, ein "schäbiges Spiel", treffe "unabhängig von der formalen Legitimität den Nerv dieser Demokratie". Walter Scheel, in einer glänzenden Abschiedsrede, warnte, wer Regierungsmacht auf dieser Grundlage aufbauen wolle, "baut auf Sand". Wirklich: 247 Stimmen für Barzel, zwei zu wenig, kaputt war die Sandburg. Live! Deutschstunden, Demokratiestunden ohne Maybritt Illner oder Anne Will.

Pathos und Ernsthaftigkeit: Diese Mischung verriet uns Neulingen die Lektüre der Protokolle vor allem aus den ersten beiden Legislaturen seit 1949. Als Konfliktdemokratie verstand sich die Republik noch lange nicht. Aber an dem Ort kumulierte in heftigsten Kontroversen und großen Kompromissen – vor allem über Renten, den Lastenausgleich, soziale Absicherungen und Mitbestimmung in Großunternehmen – bereits eine Ahnung davon. Für oder gegen die Europäische Verteidigungsgemeinschaft? Besonders die internationale Rolle der Republik war es, die auf dieser Bühne mit Leidenschaft verhandelt wurde. Aber das Parlament, nicht die Großbaustellen der Republik oder die Bonner Hofgartenwiese, blieb der Austragungsort. Es wurde von drinnen nach draußen regiert – und debattiert. Repräsentativer ging es zu als heute.

Erstmals 1952 waren Franz Josef Strauß (CSU) und Fritz Erler (SPD) hier aufeinandergeprallt. Strauß’ Lamento also, Deutschland dürfe nicht "Spielball zwischen zwei Machtblöcken" bleiben, setzte Erler seine Warnung entgegen, die Rüstungsschraube in immer schnellere Umdrehungen zu versetzen. In der Wiederbewaffnungsdebatte 1954 und im Disput über eine atomare Aufrüstung der Bundesrepublik 1957 pflanzte sich das fort. Schmidt gegen Strauß – das blieb ewig haften. Adenauer: Bisher sei "der von Westmächten besetzte Teil Deutschlands nicht frei", "ein Objekt der Weltpolitik". Ziel des Kreml, hämmerte der Alte im Dezember 1954 den Zuhörern ein, sei die "Beherrschung der Welt durch den Kommunismus". "Das politische Klima wandelt sich schnell, und die Welt ist noch immer voller Gefahr." Das neue Offizierskorps sei kein exklusiver Bund mit politischen Ambitionen, beschwichtigte er, neuer Militarismus drohe nicht. Wir gehören jetzt einfach zum Westen und zur Nato. Botschaft des alten Rosenzüchters aus Rhöndorf: Follow me!