In gönnerhafter Pose steht Daniel Swarovski da. Selbst das drohende Sommergewitter, das sich über Wattens zusammenbraut, kümmert ihn nicht. Die drei Meter hohe Statue des Kristallkonzerngründers steht unbeeindruckt auf ihrem Postament. Wie eh und je blickt der bronzene Daniel hinüber zu der nach ihm benannten Swarovskistraße. Dort, am Platz vor dem Musikpavillon, haben die Kaufleute der 7700-Seelen-Gemeinde zum Weinfest geladen. Nur wenige Wattener verlieren sich an diesem Augusttag zwischen den festlich geschmückten Ständen. Zum Einkaufen, zum Feiern ist hier niemandem zumute. Doch es sind nicht nur die dunklen Wolken über dem Tiroler Unterland, die die Gäste ausbleiben lassen. In Wattens geht die Angst um.

Es ist die Angst um die Zukunft des weltgrößten Kristallkonzerns: Swarovski. Funkelnde Ziersteine für die Modebranche, kunstvoll geschliffene Kristallskulpturen und Schmucksteine begründeten den Aufstieg des Familienunternehmens zu einer globalen Marke. In weltweit 1300 Swarovski-Boutiquen werden die glitzernden Kleinode verkauft. Zwar gehören auch Schleifsteine oder optische Präzisionsgeräte zur Produktpalette – doch die begehrten Schmuckkristalle sind mit Abstand der größte Umsatzbringer des Konzerns.

Seit 114 Jahren produziert das Unternehmen in Wattens. In dieser Zeit entwickelte sich das rückständige Bauerndorf zu einer prosperierenden Vorzeigegemeinde. "Wattens und Swarovski kann man nicht trennen", sagt die Obfrau der Wattener Kaufleute Silvia Junker. Die Friseurin spricht gar von einer "symbiotischen Beziehung". Geht es Swarovski gut, geht es Wattens gut, lautet die einfache Glücksformel. 2007, im bislang erfolgreichsten Geschäftsjahr, erzielte Swarovski mit weltweit 22000 Mitarbeitern 2,56 Milliarden Euro Umsatz, mehr als jedes andere Unternehmen in Tirol. 6700 Menschen standen in Wattens in Lohn und Brot. Im Schatten dieses Industriegiganten spielten die Klein- und Mittelbetriebe der Region nur noch eine untergeordnete Rolle.

Seit Langem hängt der Landstrich am Tropf der Kristalldynastie – doch nun hat der Boom ein jähes Ende gefunden. Die Wirtschaftskrise hat tiefe Kratzer in der Bilanz des Konzerns hinterlassen. Viel schwerer wiegt jedoch der Konkurrenzdruck. Früher, da konnte man die makellosen, perfekt geschliffenen Swarovski-Kristalle mit bloßem Auge von jenen anderer Produzenten unterscheiden. Doch mittlerweile liefern die Mitbewerber – allen voran der ägyptische Hauptkonkurrent Asfour Crystal – ebenso hochwertige, dafür ungleich billigere Kristalle. Swarovskis größter Nachteil in diesem Konflikt ist der Faktor Arbeitskraft. Tiroler sind zu teuer. Um mithalten zu können, werden seit zwei Jahren Stellen abgebaut, die Produktion wandert in Billiglohnländer. Mittlerweile ist der Mitarbeiterstand in Wattens auf 5000 geschrumpft. Der Talboden ist noch nicht erreicht. Optimisten gehen von 3500 Stellen aus, die übrig bleiben – doch genau weiß das niemand.

Schmerzhafter Abschied vom Bild des gütigen Unternehmers

"Die Unsicherheit ist spürbar", sagt Silvia Junker. Einige ihrer Kunden sind von der Kündigungswelle bereits betroffen. Vor allem der Wegfall der sogenannten Hausfrauenschicht – viele Wattenerinnen waren geringfügig bei Swarovski beschäftigt – habe die Familien im Ort hart getroffen. Doch nun wackeln auch die Vollzeitjobs. Silvia Junker übt sich dennoch in Zweckoptimismus. "Wir lieben Swarovski!", sagt sie. Es klingt wie eine Durchhalteparole. Stolz erzählt sie, dass prominente Mitglieder des Kristallfamilienclans wie der Firmenchef Markus Langes-Swarovski im Salon Silvia zur Stammkundschaft zählen – wie überhaupt der Konzern in Wattens allgegenwärtig ist. Swarovski-Kristalle zieren die Gürtel der Seniorchefin und ihrer Mitarbeiterinnen ebenso wie den meterhohen Monolithen im Kreisverkehr an der Autobahnabfahrt. Von dort geht es über die Kristallweltenstraße zur gleichnamigen firmeneigenen Touristenattraktion oder via Swarovskistraße direkt ins Ortszentrum. Hier steht die von Daniel Swarovski gestiftete Marienkirche – noch heute übernimmt die Firma ein Drittel der Kosten sämtlicher Bauvorhaben der Wattener Pfarre. Nicht nur das kirchliche, auch das soziale und kulturelle Leben wird von Swarovski dominiert. Der Konzern gilt als Wohltäter. Doch die Nächstenliebe war auch Selbstzweck, wie der Wirtschaftshistoriker Andreas Exenberger von der Universität Innsbruck erklärt. "Nett sein nützt, denn der Nebeneffekt ist, dass das Unternehmen prägend wird und Sozialkapital in der Region ansammelt." Je mehr ein Ort von einem einzelnen Unternehmen abhängig sei, "desto mehr steigt dessen Verhandlungsmacht". Über die negativen Seiten dieser Macht spricht in Wattens niemand. Nur Zugezogene, die auf das schnelle Geld aus gewesen seien, würden über die Firma schimpfen, heißt es im Ort. Integration bedeutet in Wattens, bedingungslos hinter Swarovski zu stehen. Der Familienclan genießt das Ansehen eines Königshauses. Echte Wattener sind stolz darauf, den weitverzweigten Stammbaum auswendig aufsagen zu können. Die große Familiengruft des Clans dominiert den kleinen Friedhof, von der engen Verbundenheit der Wattener mit "ihrer Firma" zeugen Grabinschriften wie: "Angestellter der Firma Swarovski".

Von der Wiege bis zur Bahre Glaskristalle schleifen, diese Zeiten sind vorbei. Das wissen auch die Schichtarbeiter, die um 21 Uhr durch die Fabriktore trotten. Reden will kaum jemand, nur einer bleibt kurz stehen. "Keiner weiß, wen es als Nächstes trifft. Zu mir und meinem Kollegen haben sie gesagt, unsere Jobs seien sicher. Am nächsten Tag war es für ihn vorbei", grummelt der 42-Jährige. Dann dreht er sich grußlos um und verzieht sich in Richtung Firmenparkplatz. Ein Kristallschleifer, der beim Wattener Weinfest Ablenkung sucht, ist da schon redseliger. "Jeden Tag kann es so weit sein. Nur die wenigsten trauen sich noch, in Krankenstand zu gehen", sagt der Mann im Holzfällerhemd. Seit 20 Jahren arbeitet der Mittvierziger "beim Swaro" in der Schleiferei. Ein Knochenjob. Es gebe Gerüchte, dass die gesamte Produktion abziehen werde, orakelt er und nimmt einen kräftigen Schluck Rotwein. "Keine Ahnung, ob das stimmt. Darüber wird nicht gesprochen."