Der 31. Oktober 2002 war der Tag, an dem Hannes Pflug in Rente ging – mit 65 Jahren. Danach hätte sein Leben zum Beispiel so aussehen können: morgens schwimmen, Brötchen holen, Zeitung lesen, nachmittags spazieren gehen, staubsaugen und warten bis seine Frau, eine Lehrerin, von der Schule zurückkommt. Heute noch Vollzeit, morgen dann voll viel Zeit – das war nichts für den promovierten Ingenieur, der mehr als 30 Jahre lang Zündkerzen und Steuergeräte für den Autozulieferer Bosch entwickelt hatte. Hannes Pflug wollte nicht wie ein "nasses Blatt" am Schuh seiner Gattin kleben. Er wollte gebraucht werden.

Deshalb kehrte er einen Tag nach seiner Pensionierung zu Bosch zurück – als Berater. Seither gehört er zu einer festen Gruppe von ehemaligen Führungs- und Fachkräften, die dem Unternehmen bei Bedarf mit Rat und Tat beispringen. Zusammen bilden sie den Bosch Management Support, kurz BMS, eine Art Auffangbecken für Ruheständler.

Anfangs war BMS hausintern auch als "Bosch Mumien Service" bekannt. "Heute sagt das keiner mehr", erzählt Alfred Odendahl, der die Geschäfte der Bosch-Tochter führt. Eine Journalistin erfand bei einem Besuch einmal den Namen 1. FC Methusalem. Das gefällt Odendahl gut. Das klinge frisch und dynamisch, schließlich gehe es ja auch bei BMS darum, geistig und körperlich fit zu bleiben.

Zehn Jahre gibt es den Beraterpool bei Bosch nun schon. Anfangs gehörten ihm 30 Pensionäre an, heute sind es knapp 900, darunter nur fünf Frauen. Die Seniorexperten, allesamt zwischen 60 und 75 Jahre alt, sind weltweit im Einsatz. Mal springen sie nur für ein paar Tage ein, um bei der Umstellung auf eine neue Fertigungslinie zu helfen oder bei technischen Störungen nach Fehlern zu suchen, mal ein paar Monate, um zum Beispiel den Aufbau einer Niederlassung in China zu begleiten.

Hannes Pflug kommt mit seinen Beraterjobs viel rum, er wurde schon nach Frankreich, Italien und Tschechien beordert. Dort hat er Kollegen geschult, Probleme bei der Fertigung analysiert oder die Qualität von Entwicklungsprojekten überwacht.

Zusammen bringen die Berater 26000 Jahre Erfahrung mit, hat der 63-jährige Odendahl ausgerechnet. Schließlich sind die meisten von ihnen Bosch-Urgewächse mit 30 und mehr Berufsjahren. "Wir fangen Wissen wieder ein", sagt der BMS-Chef, der selbst bald das Jubiläum seiner 30-jährigen Betriebszugehörigkeit feiert. 2008 hatten die Seniorexperten zusammen knapp 600 Einsätze, drei Jahre zuvor waren es erst 250.

Vom Meister bis zum Manager kann sich jeder beim BMS melden, sobald er im Ruhestand ist. Als der Beraterpool 1999 ins Leben gerufen wurde, war Fachkräftemangel nicht das Thema. "Auch heute geht es vielmehr darum, kurzfristige Personalengpässe zu überbrücken", sagt Odendahl. Etwa dann, wenn in einer Abteilung viele Aufträge anfallen oder Mitarbeiter krank werden. Und da haben ehemalige Beschäftigte einen entscheidenden Vorteil gegenüber externen Beratern: Sie kosten nur etwa halb so viel. Doch als billigen Arbeitskräfteersatz möchte Odendahl die Pensionäre nicht verstanden wissen. Denn die Stundensätze der Senioren entsprächen – je nach Einsatzbereich – denen von fest angestellten Mitarbeitern bei Bosch.