Wasser für Koraro – Seite 1

So sieht es also aus, wenn Ingenieure nervös werden: In drei Wochen, schätzen Dietmar Klopfer, 28, und Aadil Belgriri, 29, komme der erste Regen, vorher noch müssten sie ihren Staudamm fertig bauen – und jetzt? Setzt sich Klopfer erst einmal in den Schatten am Rande des trockenen Flussbetts, sein Kollege Belgriri steht mit zweifelndem Gesichtsausdruck unter einem Baumgerippe. "Das große Palaver", sagt Klopfer – und sieht auf die 20 Männer aus dem Ort Koraro im Norden Äthiopiens, die mit am Unterwasserdamm bauen. Sie debattieren am Ufer, einer fuchtelt mit den Armen vor seinem Gesicht herum. Das Thema: Wie sollen sie die Arbeit aufteilen? Von alledem verstehen Klopfer und Belgriri aber erst einmal kein Wort.

Sie sind angehende Diplomanden von der Fachhochschule Münster, es ist ihr Praxissemester, das sie in Äthiopien verbringen. Der Damm, seine Planung und Realisierung, gehört zu ihren Abschlussarbeiten – sie studieren Wasserbau. Belgriri hat marokkanische Wurzeln und interessiert sich besonders für Afrika, beide reizte die Aussicht, schon als Studenten einen Bau zu beaufsichtigen. Ein Jahr lang haben sie ihren Aufenthalt in Ostafrika vorbereitet: haben zu Hause ein Modell aufgeschichtet, Pläne gezeichnet, ausgerechnet, wie stark die Bauarbeiter den Ton, aus dem die Staumauer bestehen soll, zusammenpressen müssen, damit sich das Wasser wirklich davor sammelt. Und damit der dazugehörige Brunnen am Ende tatsächlich Trinkwasser für die Menschen im Dorf liefert. Die Idee für das Projekt hatte ihr Professor, er war es auch, der die Genehmigungen bei der Wasserbehörde und der Dorfgemeinschaft einholte.

Wie Dietmar Klopfer und Aadil Belgriri ist auch ihr Professor Mitglied des Vereins Ingenieure ohne Grenzen. Die Organisation bildet das Dach, unter dem Entwicklungshilfeprojekte von Studenten und jungen Ingenieuren entstehen. Derzeit gibt es 14 regionale Gruppen in Deutschland, meist werden sie an Universitäten und Fachhochschulen gegründet. Die Studenten errichten die Solaranlage in Sierra Leone, die Brücke in Ruanda oder eben den Unterwasserdamm in Äthiopien stets in Zusammenarbeit mit erfahrenen Ingenieuren und vor allem mit der Bevölkerung – schließlich soll sie am Ende von den Bauten profitieren.

Dietmar Klopfer und Aadil Belgriri sind in der Schlussphase allein. Und statt zu bauen, müssen sie geduldig sein. Zusehen, wie der Dorfvorsteher auf der Baustelle zu seinen Leuten spricht. Mit einem kleinen Ast malt er Zeichen in Tigrinya, der Sprache der Menschen im Norden Äthiopiens, auf seinen Arm. Aadil Belgriri fragt, was da so lange diskutiert werde. "Wir müssen einfach warten, bis sie fertig sind", erwidert Klopfer.

"What’s the matter? What’s the matter?" Belgriri hält es nicht mehr aus, er prescht zum Dolmetscher und ist so aufgeregt wie die Bauarbeiter am Ufer. Klopfer sagt: "Da kannst du nichts machen."

Nur ab und an, für ein paar Stunden, können die angehenden Ingenieure erfahren, was die Männer wollen, was sie brauchen, was sie vom Bau halten, dann nämlich, wenn der Dolmetscher vor Ort ist. Gerade übersetzt er einen Wunsch: Einer möchte keine Steine holen, sondern lieber die Mauer des Brunnens hochziehen. Die Männer, die ihren Damm bauen, sind die Bauern, die hier leben. Irgendwie und irgendwann werden sie sich immer einig. Auch jetzt: Nach 30 Minuten Diskussion springen sie plötzlich auf, bilden zwei Gruppen, teilen das Mauern und das Steineholen genau auf. Jeder bekommt am Ende gleich viel Geld.

 

Um ihren Damm zu bauen, mussten Klopfer und Belgriri Sponsoren finden; nun können sie den Bauern für einen Kubikmeter Steine, den diese suchen und aufschichten, 75 Birr zahlen – umgerechnet gut 4,20 Euro. Einen Meter Mauer hochziehen bringt gut einen Euro mehr.

Klopfer und sein Kollege sind mittendrin in einer der ärmsten Gegenden der Welt: Das Pro-Kopf-Einkommen in Äthiopien lag 2007 bei 220 US-Dollar, Koraro ist ein sogenanntes Millennium-Dorf der Vereinten Nationen, wo die Verringerung der Armut im Kleinen erprobt werden soll; das Welternährungsprogramm hilft mit Nahrungsmitteln. Hier, am Fuß der steilen roten Berge, wo dorniges Gestrüpp die Grundstücke begrenzt, lernen Dietmar Klopfer und Aadil Belgriri nicht nur, wie man ein Bauvorhaben von Anfang bis Ende durchzieht. Sie lernen auch, sich zu bescheiden – und mit wenig viel zu schaffen. "In Deutschland habe ich mal eine Pizza zurückgehen lassen, weil Kapern drauf waren", sagt Belgriri. "Das würde ich jetzt nicht mehr machen."

Das Material lieferten die Termitenhügel in der Gegend

Zu zweit wohnen sie auf ungefähr zwölf Quadratmetern, in einem ehemaligen Hühnerstall auf einem Hügel, von dem aus man so weit blicken kann, dass europäische Städter sich mitunter ziemlich einsam fühlen. Für 35 Birr im Monat, umgerechnet knapp zwei Euro, haben sie ihn von einer alten Frau gemietet. Die Nachbarn haben ihre Namen an die Wand neben der Tür geschrieben. Unter zwei Moskitonetzen auf dem Lehmboden liegen die Matratzen der beiden angehenden Ingenieure. Alle paar Tage fegen sie die Hütte aus, weil der Wind in der Nacht den Sand durch den Schlitz unter der Blechtür bläst. Sie schlafen mit Ohrstöpseln, gegen den Wind und das Schnarchen des anderen.

Eine kleine Zelle haben sie mit einer Plane abgetrennt, dahinter waschen sie sich. Privatsphäre hat an diesem Ort zwei Farben: Klopfers Waschschüssel ist orange, die von Belgriri grün.

Wenn sie lange genug darüber nachdenken, entdecken die beiden sogar Vorteile in der Enge: "Wir hätten uns wahrscheinlich nicht so gut kennengelernt, wenn wir den Damm nicht wirklich hier bauen würden", sagt Belgriri.

Wovon sie schon vor ihrer Reise eine vage Ahnung hatten, das waren die möglichen Probleme. Sie hatten Bedenken, dass die Bauern aus der Umgebung noch nie Zement angemischt haben könnten. Haben sich die Frage gestellt, wie man wohl ohne Hilfsmittel berechnet, wie viele Steine schon gesammelt wurden. Viele Ängste waren unbegründet. "Die Männer haben ihre Häuser ja auch selbst gebaut", sagt Klopfer. Die Steine schichteten die Arbeiter von ganz allein zu einem großen Würfel mit einem Meter Kantenlänge auf – und auch mit Zement hatten sie schon gearbeitet.

Die größte Sorge der Ingenieure aber war, ob die Bauern den Staudamm überhaupt haben wollten. Sie verschwand, als der Priester ihnen erzählte, welche Erleichterung der Damm vor allem für die älteren Frauen sein würde. Wasserholen ist in Koraro Sache der Frauen und Kinder. Sie kommen zu Fuß, legen mit ihren Plastikkanistern Kilometer zurück, oft zwei-, dreimal am Tag. Bislang nutzen sie vor allem Wasser, das aus einer Quelle weiter oben in den Bergen über eine Leitung in die Nähe der Schule gepumpt wird. Man kann es aus Wasserhähnen zapfen – ist einer aufgedreht, tröpfeln die anderen nur noch. Eine Wasserstelle flussabwärts ist so salzig, dass sie nur zum Waschen taugt und manchmal die Tiere daraus trinken.

 

Die Ingenieure haben sich eingerichtet in der trockenen Welt: Ihr Trinkwasser bringen sie sich alle paar Wochen aus Mekelle, der nächstgrößeren Stadt, mit nach Koraro. Dass sich die Situation für die Menschen, die hier immer leben, durch ihren Damm verbessert, das hoffen sie.

Sie haben nicht nur Zeit in ihren Bau gesteckt – auch Geld: Die Flüge und die Impfungen mussten sie zunächst selbst bezahlen. Ein großer Sponsor ist abgesprungen, als eigentlich schon alles auf dem Weg war. Die gemeinsame Kasse verwaltet nun die Universität in der Stadt, das wollte die Deutsche Botschaft, die Geld für den Dammbau gab, so. Jedes Mal wenn ihnen die Birr ausgehen, müssen Klopfer und Belgriri bei der Universität vorsprechen.

"Wir sagen den Arbeitern, dass sie nächste Woche ihren Lohn bekommen", sagt Belgriri, als sie an der Baustelle stehen, und beobachten, wie die Mauer des Brunnens etwas oval in die Höhe wächst. "Aber dann müssen wir wieder in die Stadt", sagt Dietmar Klopfer. "Zur Not bezahlen wir sie erst mal mit unserem Geld", sagt Belgriri.

So langwierig die Verwaltungswege manchmal sind, so überzeugt sind sie von ihrem Konzept. Der Fluss führt nur in der dreimonatigen Regenzeit Wasser. Was nicht verdunstet, versickert im sandigen Boden. Um dieses Wasser zu stauen, haben die Männer mit ihren Spitzhacken und Schaufeln einen drei Meter tiefen Graben ausgehoben und dann mit Ton aufgefüllt. Das Material dafür liefern die Termitenhügel in der Gegend. Dann wird das Flusswasser durch einen Filter in den Brunnen geleitet, der sieben Meter tief ist. Der Vorteil: Weil alles unterirdisch stattfindet, kann die Malariamücke ihre Eier hier nicht mehr ablegen. Am Ende soll Trinkwasser fließen in Koraro, wo bislang nur solche Pflanzen überleben, die gelernt haben, dem staubig-roten Grund das Wasser aus der Tiefe zu entziehen.

Wie viel Wasser der Brunnen ihrer Staudamm-Anlage am Ende liefern wird, können die Studenten nur erahnen – Zugang zu systematischen Niederschlagsaufzeichnungen haben sie nicht. Die Vereinten Nationen rechnen mit einer jährlichen Regenmenge von 500 Millimetern in Koraro. Zum Vergleich: Allein im Juli fielen in Deutschland durchschnittlich 103 Millimeter Regen. Auch wie viele Menschen am Ende von ihrer Anlage profitieren werden, wissen Klopfer und Belgriri nicht genau. In Koraro leben rund 5000 Menschen auf 100 Quadratkilometern. Der Dorfvorsteher des Ortsteils von Koraro, in dem der Damm entsteht, sagt, dass hier, in der Gegend vor den mächtigen Bergen, 169 Menschen wohnen.

Dass ihr Konzept trotz der fehlenden Daten funktionieren wird, auch wenn sie dann schon abgereist sind, davon sind Klopfer und Belgriri überzeugt. Sie haben vorgesorgt – und eine Bedienungsanleitung für den Brunnen geschrieben, die sie gerade in der Stadt ins Tigrinya übersetzen lassen.

Ihre Pläne müssen sie ständig an die Realität anpassen

Es gehört viel Improvisation dazu, um in Afrika Wasser zu fördern, das haben die Ingenieure längst gelernt. "Die Pläne haben sich total verändert", sagt Klopfer ein wenig verlegen. Er ist derjenige von den beiden, der rechnet und kalkuliert, während sein Kollege mit den Arbeitern spricht oder auch mal mit deren Kindern spielt. Heute ist ein Graben etwas tiefer geraten, als er eigentlich sein sollte. Klopfer murmelt, dass jetzt noch mehr überflüssige Arbeitsschritte notwendig würden, und konsultiert seinen Taschenrechner.

Dass Studenten schon während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln und sich für den Berufseinstieg orientieren, ist ein Ziel von Ingenieure ohne Grenzen. Aadil Belgriri kann sich seine eigene Zukunft in der Entwicklungshilfe denn auch durchaus vorstellen: "Ich bin nicht Mutter Theresa, aber ich finde, wir haben die Verantwortung zu helfen." Dietmar Klopfer dagegen weiß jetzt, dass er nicht in die Entwicklungshilfe gehen wird. Auch weil er abschreckende Beispiele gesehen hat. "Deutsche Entwicklungshelfer werden oft toll bezahlt und leben abgeschottet hinter hohen Mauern", sagt er. Wenn die beiden Jung-Ingenieure eines gelernt haben, dann ist es, sich einzulassen auf Bedingungen, die mit ihrer Realität vorher so gar nichts gemein haben.

So wie an diesem Abend. Strom gibt es in Koraro nicht, um sieben Uhr abends ist es finster. Immerhin besitzen sie einen kleinen Generator, den wollen sie anwerfen. Mit dem Fuß legen sie einen öligen Hebel um: Das Gerät röhrt zu laut, die nackte Glühbirne in der Hütte glimmt leise – mehr nicht. Der Generator muss kaputtgegangen sein. Die beiden sitzen im Dunkeln. Bei aller Einschränkung aber wissen sie, dass sie in ein paar Wochen schon wieder ein Leben im Überfluss führen werden. Und hoffen, dass Koraro dann ein bisschen weniger trocken sein wird.

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