Die Ingenieure haben sich eingerichtet in der trockenen Welt: Ihr Trinkwasser bringen sie sich alle paar Wochen aus Mekelle, der nächstgrößeren Stadt, mit nach Koraro. Dass sich die Situation für die Menschen, die hier immer leben, durch ihren Damm verbessert, das hoffen sie.

Sie haben nicht nur Zeit in ihren Bau gesteckt – auch Geld: Die Flüge und die Impfungen mussten sie zunächst selbst bezahlen. Ein großer Sponsor ist abgesprungen, als eigentlich schon alles auf dem Weg war. Die gemeinsame Kasse verwaltet nun die Universität in der Stadt, das wollte die Deutsche Botschaft, die Geld für den Dammbau gab, so. Jedes Mal wenn ihnen die Birr ausgehen, müssen Klopfer und Belgriri bei der Universität vorsprechen.

"Wir sagen den Arbeitern, dass sie nächste Woche ihren Lohn bekommen", sagt Belgriri, als sie an der Baustelle stehen, und beobachten, wie die Mauer des Brunnens etwas oval in die Höhe wächst. "Aber dann müssen wir wieder in die Stadt", sagt Dietmar Klopfer. "Zur Not bezahlen wir sie erst mal mit unserem Geld", sagt Belgriri.

So langwierig die Verwaltungswege manchmal sind, so überzeugt sind sie von ihrem Konzept. Der Fluss führt nur in der dreimonatigen Regenzeit Wasser. Was nicht verdunstet, versickert im sandigen Boden. Um dieses Wasser zu stauen, haben die Männer mit ihren Spitzhacken und Schaufeln einen drei Meter tiefen Graben ausgehoben und dann mit Ton aufgefüllt. Das Material dafür liefern die Termitenhügel in der Gegend. Dann wird das Flusswasser durch einen Filter in den Brunnen geleitet, der sieben Meter tief ist. Der Vorteil: Weil alles unterirdisch stattfindet, kann die Malariamücke ihre Eier hier nicht mehr ablegen. Am Ende soll Trinkwasser fließen in Koraro, wo bislang nur solche Pflanzen überleben, die gelernt haben, dem staubig-roten Grund das Wasser aus der Tiefe zu entziehen.

Wie viel Wasser der Brunnen ihrer Staudamm-Anlage am Ende liefern wird, können die Studenten nur erahnen – Zugang zu systematischen Niederschlagsaufzeichnungen haben sie nicht. Die Vereinten Nationen rechnen mit einer jährlichen Regenmenge von 500 Millimetern in Koraro. Zum Vergleich: Allein im Juli fielen in Deutschland durchschnittlich 103 Millimeter Regen. Auch wie viele Menschen am Ende von ihrer Anlage profitieren werden, wissen Klopfer und Belgriri nicht genau. In Koraro leben rund 5000 Menschen auf 100 Quadratkilometern. Der Dorfvorsteher des Ortsteils von Koraro, in dem der Damm entsteht, sagt, dass hier, in der Gegend vor den mächtigen Bergen, 169 Menschen wohnen.

Dass ihr Konzept trotz der fehlenden Daten funktionieren wird, auch wenn sie dann schon abgereist sind, davon sind Klopfer und Belgriri überzeugt. Sie haben vorgesorgt – und eine Bedienungsanleitung für den Brunnen geschrieben, die sie gerade in der Stadt ins Tigrinya übersetzen lassen.

Ihre Pläne müssen sie ständig an die Realität anpassen

Es gehört viel Improvisation dazu, um in Afrika Wasser zu fördern, das haben die Ingenieure längst gelernt. "Die Pläne haben sich total verändert", sagt Klopfer ein wenig verlegen. Er ist derjenige von den beiden, der rechnet und kalkuliert, während sein Kollege mit den Arbeitern spricht oder auch mal mit deren Kindern spielt. Heute ist ein Graben etwas tiefer geraten, als er eigentlich sein sollte. Klopfer murmelt, dass jetzt noch mehr überflüssige Arbeitsschritte notwendig würden, und konsultiert seinen Taschenrechner.

Dass Studenten schon während des Studiums praktische Erfahrungen sammeln und sich für den Berufseinstieg orientieren, ist ein Ziel von Ingenieure ohne Grenzen. Aadil Belgriri kann sich seine eigene Zukunft in der Entwicklungshilfe denn auch durchaus vorstellen: "Ich bin nicht Mutter Theresa, aber ich finde, wir haben die Verantwortung zu helfen." Dietmar Klopfer dagegen weiß jetzt, dass er nicht in die Entwicklungshilfe gehen wird. Auch weil er abschreckende Beispiele gesehen hat. "Deutsche Entwicklungshelfer werden oft toll bezahlt und leben abgeschottet hinter hohen Mauern", sagt er. Wenn die beiden Jung-Ingenieure eines gelernt haben, dann ist es, sich einzulassen auf Bedingungen, die mit ihrer Realität vorher so gar nichts gemein haben.

So wie an diesem Abend. Strom gibt es in Koraro nicht, um sieben Uhr abends ist es finster. Immerhin besitzen sie einen kleinen Generator, den wollen sie anwerfen. Mit dem Fuß legen sie einen öligen Hebel um: Das Gerät röhrt zu laut, die nackte Glühbirne in der Hütte glimmt leise – mehr nicht. Der Generator muss kaputtgegangen sein. Die beiden sitzen im Dunkeln. Bei aller Einschränkung aber wissen sie, dass sie in ein paar Wochen schon wieder ein Leben im Überfluss führen werden. Und hoffen, dass Koraro dann ein bisschen weniger trocken sein wird.

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