Schwerter zu Pflugscharen – Seite 1

Es gibt Schläge mit einem positiven Nachhall im Gedächtnis. Hammerschläge haben sich mir eingeprägt, bleiben unvergesslich: in jener lauen Septembernacht 1983, als wir im Lutherhof vor dem Brunnen, neben Luthers Wohnhaus, ein Signal setzten, in einer bedrückenden Schweigezeit, als man ein Prophetenwort für staatsgefährdend hielt. Hier wurde geschmiedet und gesungen. Die Texte und das rhythmische Klatschen, die begeisterten Gesichter, als der Schmied Stefan Nau sein mühsames Werk in die Luft hielt – das hinterlässt einen bleibenden Schauer, sooft ich davon heute Bilder sehe oder Mitschnitte höre. Befreiende Schläge! Ein Hammer, ein heißes Eisen und viele heiße Herzen.

Damals wurde die große Völkerversöhnungs-Vision des Jesaja gelesen, wonach die Völker nicht mehr Krieg führen, sondern ihre knappen Ressourcen nur noch für den Brotacker und die Weinreben, also für das Lebensnotwendige nutzen sollten. Aus Jesajas Zukunftsvision "Sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden" machten wir einen Imperativ: "Schmiedet die Schwerter zu Pflugscharen!" Wir sprachen uns selber Mut zu, auf die Abschaffung aller Massenvernichtungswaffen hinzuwirken, der SS-20 wie der Pershings. Nicht mehr Krieg führen! Keinen erkenntnistrübenden Feindbildern verfallen!

Plötzlich interessierte sich die Stasi für den Schaukasten des Lutherhauses

Erich Mielke tobte. Denn wir hatten in unserer Truppe keinen Spitzel, da wir nur zu einem harmlosen Abend der Begegnung eingeladen hatten. Ein Gast aus Simbabwe sprach über seine Vision vom Ende des Hungers; der Schriftsteller Jürgen Rennert las seinen Text über die Möglichkeiten von Literatur, zum Frieden beizutragen; wir rezitierten Wolf Biermanns Gedicht gegen das Kriegsspielzeug und stimmten aus voller Kehle ein in das Lied: "Ein jeder braucht sein Brot, sein’ Wein, und Frieden ohne Furcht soll sein. Pflugscharen schmelzt aus Gewehren und Kanonen, daß wir in Frieden beisammen wohnen." In die Hammerschläge hinein der Gesang.

Das war schon so etwas wie die Vorwegnahme dessen, was im September 1989 losgehen sollte. Die Friedensbewegung war von Anfang an Freiheitsbewegung, stärkte das mündige und widerständige Individuum, forderte die Verwirklichung von Menschenrechten. In jener Nacht hatten alle das Gefühl, sie schmiedeten mit daran – mit Lust und Schweiß, mit Beharrlichkeit und Zuversicht. Etwa 1000 junge Menschen, dicht gedrängt, riefen ihr "Hoi! Hoi"! Hoi!" dem Schmied anfeuernd zu. Dann wieder stilles, staunendes Zuhören. Während das Eisen im Feuer lag, sprach ich, damals Prediger an der Wittenberger Schlosskirche, mahnende Worte: "Wenn das Zeichen nicht mehr gezeigt werden darf – wir zeigen, wie man es macht. Wenn wir umbauen / die Raketenmäntel zu Wasserbehältern / die Zerstörer zu Passagierdampfern / Wenn wir umdenken / die Feinde in Partner / die Macht in Verantwortung / Wenn wir umsetzen / die Worte in Taten / die Träume in Wirklichkeit / Dann können wir auch auf das geschundene Wort / Frieden / verzichten." Während ich sprach, spürte ich allseits Übereinstimmung, eine Kraft der Gemeinsamkeit.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/​AFP/​Getty Images

Meine damals 13-jährige Tochter Uta beschrieb das Geschehen in einem Klassenaufsatz später so: "Am Kirchentag war hier in Wittenberg viel los. Am Samstagabend war ich auf dem Lutherhof. Dort waren noch viele andere. Wir saßen auf Stühlen, Decken oder auf dem bloßen Gras. Auf der Bühne vor dem Lutherbrunnen spielte die Band Baltruweit. Es war schon dunkel. Nur in der Nähe der Bühne brannte Licht. Dort waren ein Grill und ein großer Eisenblock aufgestellt. Dann hörte ich ein Geräusch, das ich nicht deuten konnte. Ich stellte mich auf meinen Stuhl und sah in die Richtung, woher dieses fremde Klirren kam. Ein Schmied klopfte mit einem großen Hammer auf ein längeres Stück Eisen. Danach hielt er es ins Feuer auf dem Grill. Nun erkannte ich, was dieser Schmied tat. Er schmiedete ein Schwert in eine Pflugschar um! Es war einfach toll! Obwohl der Schmied schwitzte, daß ihm Schweißperlen über den ganzen Körper liefen, hörte er nicht auf, zu arbeiten. Er gab nicht auf! Wenn das in der Welt auch so ginge! Einfach alle Waffen umschmieden, so einfach den Frieden erhalten können! Ich bin sehr dankbar, daß ich so etwas miterleben konnte." Die Lehrerin gab Uta für Inhalt und Ausdruck eine Eins.

Ich selber habe im Anschluss an jenen Abend ein simples Lied aus fünf Versen geschrieben. Es hing nur wenige Stunden im Schaukasten des Lutherhauses, dann kam im Auftrag der Staatssicherheit ein Vertreter des Rates des Kreises und forderte sofortiges Herausnehmen mit der Drohung, sonst werde der Schaukasten sofort beschlagnahmt und abgebaut. Der harmlose Liedtext lautete: "Lieb dein Land, brich die Wand. Such, was eint, vergib dem Feind. Und sag es weiter." Gleich drei ideologische Sakrilege las die Stasi aus diesen Zeilen heraus: Forderung nach Mauerfall, Forderung nach deutscher Einheit und Verbrüderung mit dem Feind.

Als Glück für unsere Umschmiedeaktion sollte sich die Anwesenheit eines kleinen Fernsehteams um Peter Wensierski erweisen. Ein Filmausschnitt lief in der Sendung Kontraste im Westfernsehen, ging dann um die Welt. Eine Idee hatte ihre Parole und ihr wirkmächtiges Symbol gefunden. Es ging uns um den Pflug, der den Boden für das Getreide bereitet, darum, dass die Felder nicht wieder zu "Feldern der Ehre" werden, sondern dass aus Spießen Winzermesser gemacht werden. Brot und Wein – geheiligtes Mahl.

 

Wenn wir in der Tagesschau vorkamen, war das Schutz und Gefahr zugleich

Man wandte 1983 keine offenen Repressionen gegen uns an. Aber die Zersetzungsprogramme des Mielke-Imperiums begannen zu greifen. IM "Robert" fertigte perfekte Wohnungsgrundrisse. Ein Abteilungsleiter beim Rat des Bezirkes Halle, der zugleich Stasi-Offizier war, erklärte mir, dass man mir diese Propagandaaktionen nie verzeihen werde.

Unsere spontane Symbolhandlung hatte eine problemreiche Vorgeschichte und eine dramatische Nachgeschichte. 1980 stand die erste gesamtdeutsche Friedensdekade der evangelischen Kirche unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen". Dieses Motto hatte sich der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider einfallen lassen, die jungen Friedensbewegten in der DDR erkoren die Losung rasch zu ihrem Leitspruch. Listig, wie er war, hatte Bretschneider die Druckgenehmigungspflicht umgangen, indem er Vliesstoff bedrucken ließ: um einen roten runden Rand das Bibelwort und in der Mitte ein stilisiertes UN-Denkmal mit Schmied. Dieses Vlies war als Einlegeblatt oder auch als Aufnäher zu gebrauchen – ein 200000-faches Widerstands-, Widerspruchs- und Hoffnungszeichen.

Wer damit auffiel, musste mit polizeilichen Ermittlungen rechnen, mit der Aufforderung, das Zeichen von der Kleidung abzutrennen. Im Sommer 1982 schließlich kam es zum offiziellen Verbot des Aufnähers. Die Kirchenleitung hatte sich dabei auf einen Kompromiss eingelassen, von dem wir jungen Protestanten enttäuscht waren: Fortan sollte das Symbol nur als kleines Signet für Friedensdekaden erlaubt sein – nicht für den öffentlichen, sondern für den "innerkirchlichen Gebrauch" bestimmt.

Wir Friedensbewegten wollten viel, wenn nicht alles: aus der Logik von Rüstung und Gegenrüstung ausbrechen, gegenseitige Feindbilder zertrümmern, den Irrsinn der Massenvernichtungsmittel bloßlegen, ein offenes Wort gegen den "roten Militarismus" sagen, der die eigenen Waffen als gute Waffen, die des Gegners als böse Waffen deklarierte.

Das Magdeburger Kirchenparlament hatte bereits im November 1981 die Akteure eines sozialen Friedensdienstes unterstützt und Besorgnis darüber geäußert, dass das Militärische zunehmend unser ganzes gesellschaftliches Leben durchdringe: von Militärparaden bis zum Kindergarten, von gesperrten Wäldern bis zu Kriegsspielzeug. Das alles diene nicht der Sicherheit; dadurch werde Angst erzeugt, die Bevölkerung an einen möglichen Krieg gewöhnt. Wir Kirchenleute erinnerten daran, dass Jesus jenen Zukunft verspricht, die Frieden stiften, die sanftmütig sind, statt auf Gewalt zu bauen.

Wir ahnten ja nicht, wie wichtig dieses Beharren auf Gewaltlosigkeit bei der Volkserhebung im Herbst 1989 werden sollte. Gegen die russischen SS-20-Raketen hatten wir uns 1981 ausgesprochen – und damit in der DDR erstmals öffentlich erwähnt, dass es solche sowjetischen Raketen überhaupt gab. Die Tagesschau meldete es am gleichen Abend. Diese Publizität war Schutz und Gefahr zugleich. Ich als Pfarrer konnte gewiss unbelasteter als andere solche Vorlagen mitverfassen; jene, die in staatlichen Betrieben arbeiteten, mussten damit rechnen, dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Vor ihnen habe ich bleibenden Respekt.

Im September 1982 hatte ich mich beim DDR-Kirchenparlament – mit einem vor Aufregung trockenen Mund – zu Wort gemeldet. Der Druck von unten, so mein Appell, müsse so stark sein, dass er auch oben bei den Machthabern ankäme: Sonst rüsteten die weiter und weiter auf und riskierten alles Leben. Der Frieden mit dem Feind müsse gewagt werden.

 

Ich selber hatte bereits 1962 wegen des Eides, der "unbedingten Gehorsam" verlangte, und wegen der meiner Meinung schon damals friedensgefährdenden Rüstung den Wehrdienst verweigert. In der DDR gab es eben nicht nur Nischen, sondern auch mutige Kontrastgemeinschaften – etwa die Initiative Sozialer Friedensdienst; junge Männer wollten 24 Monate lang in sozialen Einrichtungen arbeiten. Zivilcourage zeigen!

Hatte nicht die Sowjetunion 1959 ein pazifistisches Symbol vor dem UN-Gebäude in New York errichten lassen, ein von Jewgeni Wutschetitsch gestaltetes Schmiedemonument, auf dessen Sockel unser Bibelzitat stand? Als wir in Wittenberg mehr als zwanzig Jahre später diese biblisch-sowjetische Idee aufgriffen, galt das als Zynismus von Feinden des Sozialismus. Uns ging es jedoch darum, eine Konversion des Denkens und der Politik einzuleiten. Gesinnungsethisch und verantwortungsethisch!

Als sich die Kölner Rockgruppe BAP 1984 zu einer Konzertreise in die DDR aufmachte, entdeckten die Funktionäre plötzlich die Sprengkraft eines ihrer Lieder, das in hochdeutscher Version so klingt: "Wir haben Freunde hier, die haben keine weiße Taube auf blauem Grund, die haben ’nen Schmied, der macht ein Schwert zu ’nem Pflug, ’ne SS-20 zu ’nem Traktor und ’ne Pershing zu ’ner Lok, die haben vom Rüstungsschwachsinn so wie wir genug, das sind Pazifisten ohne Wenn und Aber…"

Zu oft vergaß die Kirche, in wessen Namen sie handelte – diesmal nicht

Um die Parole "Schwerter zu Pflugscharen" sammelten sich nach und nach Oppositionsgruppen, die friedliche Konfliktlösungen einübten, die lokal dachten, aber die globale Perspektive nie außer Acht ließen: in Friedensseminaren, Friedenskreisen, Friedenswerkstätten, Friedenswanderungen, Friedensworkshops, Friedensgebeten. Die Mitwirkung in solchen Gruppen gehört für mich zu den bereicherndsten Erfahrungen des Pfarrerdaseins in einer Kirche, die zu oft vergaß, in wessen Namen sie handelte. Ich erlebte Friedenskreise in Meißen, Königswalde, Berlin, Magdeburg, Leipzig, Halle, Wittenberg. Selig sind die Friedensstifter! Ja, glücklich, wenn’s mal gelingt.

Keiner konnte ahnen, dass das, was eher gedanklich, geistig, gruppendynamisch-spielerisch eingeübt worden war, sich 1989 bei der spontanen Gestaltung einer friedlichen Revolution als wirksam erweisen sollte. "Wir sind das Volk" und "Keine Gewalt" wurden die entscheidenden Parolen. Der 9. Oktober in Leipzig ist Fanal einer friedlichen Oktoberrevolution, die unmittelbar mit der Friedensbewegung zu tun hat. Noch am 12. September 1989 konnte ich in Magdeburg sehen, was uns drohte; die Stadt unterhalb des Domes glich Wallensteins Lager, eine unübersehbare Zahl von Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei und Panzerspähwagen standen bereit. Friedensbewegung wurde Deeskalationsbewegung. Sie bewährte sich auf dem Weg in die Freiheit. Mit ein wenig Wehmut erinnere ich mich des Verfassungsentwurfs des Runden Tisches vom März 1990, nachher allzu schnell weggewischt, der als Wappen des Staates "die Darstellung des Mottos Schwerter zu Pflugscharen" vorgesehen hatte.

Mein Resümee: Ohne Friedensbewegung keine friedliche Revolution in der DDR – aber auch ohne Entspannungspolitik und ohne Gorbatschow nicht. Unser umgeschmiedetes Schwert ist nun im Museum in Leipzig – der Vorgang selbst jedoch gehört nicht ins Museum, sondern auf die Tagesordnung der Weltpolitik. "Zieht nun in neue Kriege nicht, ihr Armen, / als ob die alten nicht gelanget hätten."