Wenn wir in der Tagesschau vorkamen, war das Schutz und Gefahr zugleich

Man wandte 1983 keine offenen Repressionen gegen uns an. Aber die Zersetzungsprogramme des Mielke-Imperiums begannen zu greifen. IM "Robert" fertigte perfekte Wohnungsgrundrisse. Ein Abteilungsleiter beim Rat des Bezirkes Halle, der zugleich Stasi-Offizier war, erklärte mir, dass man mir diese Propagandaaktionen nie verzeihen werde.

Unsere spontane Symbolhandlung hatte eine problemreiche Vorgeschichte und eine dramatische Nachgeschichte. 1980 stand die erste gesamtdeutsche Friedensdekade der evangelischen Kirche unter dem Motto "Schwerter zu Pflugscharen". Dieses Motto hatte sich der sächsische Jugendpfarrer Harald Bretschneider einfallen lassen, die jungen Friedensbewegten in der DDR erkoren die Losung rasch zu ihrem Leitspruch. Listig, wie er war, hatte Bretschneider die Druckgenehmigungspflicht umgangen, indem er Vliesstoff bedrucken ließ: um einen roten runden Rand das Bibelwort und in der Mitte ein stilisiertes UN-Denkmal mit Schmied. Dieses Vlies war als Einlegeblatt oder auch als Aufnäher zu gebrauchen – ein 200000-faches Widerstands-, Widerspruchs- und Hoffnungszeichen.

Wer damit auffiel, musste mit polizeilichen Ermittlungen rechnen, mit der Aufforderung, das Zeichen von der Kleidung abzutrennen. Im Sommer 1982 schließlich kam es zum offiziellen Verbot des Aufnähers. Die Kirchenleitung hatte sich dabei auf einen Kompromiss eingelassen, von dem wir jungen Protestanten enttäuscht waren: Fortan sollte das Symbol nur als kleines Signet für Friedensdekaden erlaubt sein – nicht für den öffentlichen, sondern für den "innerkirchlichen Gebrauch" bestimmt.

Wir Friedensbewegten wollten viel, wenn nicht alles: aus der Logik von Rüstung und Gegenrüstung ausbrechen, gegenseitige Feindbilder zertrümmern, den Irrsinn der Massenvernichtungsmittel bloßlegen, ein offenes Wort gegen den "roten Militarismus" sagen, der die eigenen Waffen als gute Waffen, die des Gegners als böse Waffen deklarierte.

Das Magdeburger Kirchenparlament hatte bereits im November 1981 die Akteure eines sozialen Friedensdienstes unterstützt und Besorgnis darüber geäußert, dass das Militärische zunehmend unser ganzes gesellschaftliches Leben durchdringe: von Militärparaden bis zum Kindergarten, von gesperrten Wäldern bis zu Kriegsspielzeug. Das alles diene nicht der Sicherheit; dadurch werde Angst erzeugt, die Bevölkerung an einen möglichen Krieg gewöhnt. Wir Kirchenleute erinnerten daran, dass Jesus jenen Zukunft verspricht, die Frieden stiften, die sanftmütig sind, statt auf Gewalt zu bauen.

Wir ahnten ja nicht, wie wichtig dieses Beharren auf Gewaltlosigkeit bei der Volkserhebung im Herbst 1989 werden sollte. Gegen die russischen SS-20-Raketen hatten wir uns 1981 ausgesprochen – und damit in der DDR erstmals öffentlich erwähnt, dass es solche sowjetischen Raketen überhaupt gab. Die Tagesschau meldete es am gleichen Abend. Diese Publizität war Schutz und Gefahr zugleich. Ich als Pfarrer konnte gewiss unbelasteter als andere solche Vorlagen mitverfassen; jene, die in staatlichen Betrieben arbeiteten, mussten damit rechnen, dafür einen hohen Preis zu bezahlen. Vor ihnen habe ich bleibenden Respekt.

Im September 1982 hatte ich mich beim DDR-Kirchenparlament – mit einem vor Aufregung trockenen Mund – zu Wort gemeldet. Der Druck von unten, so mein Appell, müsse so stark sein, dass er auch oben bei den Machthabern ankäme: Sonst rüsteten die weiter und weiter auf und riskierten alles Leben. Der Frieden mit dem Feind müsse gewagt werden.