Erdöl und Uran sind endliche Ressourcen. Irgendwann ist vermutlich nichts mehr davon da. Vertrauen ist dagegen eine Ressource, die immer wieder aufs Neue gewonnen werden kann. Wie die Wind- oder die Solarenergie ist sie unerschöpflich, jedenfalls im Prinzip. Im politischen Meinungsstreit um die Zukunft der Kernenergie wird die Ressource Vertrauen allerdings gerade knapp. Denn nach und nach kommt heraus, dass die Anhänger der friedlichen Kernenergienutzung in Politik und Wirtschaft die Öffentlichkeit mehr als ein Vierteljahrhundert lang getäuscht und damit das ihnen entgegengebrachte Vertrauen missbraucht haben.

Als wäre nichts geschehen, werben Union und FDP im Bundestagswahlkampf trotzdem unverdrossen mit dem Vorhaben um Stimmen, den mit der Energiewirtschaft vereinbarten Atomausstieg rückgängig zu machen. Sollte das Wahlergebnis am 27. September eine schwarz-gelbe Regierung ermöglichen, winken den Energiekonzernen deshalb Extragewinne – und dem Land womöglich eine Neuauflage des latenten ökologischen Bürgerkrieges der siebziger und achtziger Jahre.

Wyhl, Brokdorf, Grohnde und Gorleben hießen die Schauplätze, an denen die Debatte um Sinn oder Unsinn der Kernenergienutzung ihre Sprengkraft gezeigt hat. Dass der Streit nicht nur mit Argumenten geführt wurde, ist kein Geheimnis; der Umstand, dass manche Argumente der Pro-Atom-Fraktion an den Haaren herbeigezogen waren, schon eher. Auf die Atomgemeinde fällt deshalb kein gutes Licht: Die exklusive Auswahl des Gorlebener Salzstocks als mögliches Endlager für hoch aktiven Nuklearmüll hat sie offenbar nicht nach rein wissenschaftlichen Kriterien getroffen. Und in die desolate Schachtanlage Asse hat sie nicht nur neun Kilogramm Plutonium eingelagert, sondern rund 28 Kilo, wie jetzt bekannt geworden ist.

Mit der größeren Menge der giftigen Substanz ließe sich mehr Unheil anrichten als mit der kleineren, wenn der Stoff rein und in konzentrierter Form vorläge. Dass ist aber nicht der Fall; das Plutonium lagert vermischt mit anderen radioaktiven Substanzen in rund 125.000 Fässern. Dennoch hat die überraschende Erkenntnis von den zusätzlichen Mengen der Atomgemeinde ein Riesenproblem beschert. Der Verdacht verdichtet sich, dass Atomforscher, Atomfirmen und Atomaufseher mit dem Bombenstoff so unbekümmert – um nicht zu sagen: verantwortungslos – umgegangen sind, als habe es sich um Grüner-Punkt-Müll gehandelt.

Mehr als hemdsärmelig ging es offenbar zu, als das ehemalige Kali- und Salzbergwerk bei Wolfenbüttel zum Forschungsbergwerk für radioaktiven Müll auserkoren wurde. Mittlerweile ist bekannt, dass Ministerialbeamte bereits Ende 1967, also lange vor der Einlagerung nuklearer Abfälle, davor warnten, dass im Laufe von Jahrhunderten kein Raum der Grube trocken bleiben werde. Aber Asse sollte bei dem Bemühen, Deutschland auch mit Nuklearenergie zu versorgen, eine strategische Rolle zukommen: Dem Durchbruch der Atomenergie durfte die Endlagerfrage nicht im Wege stehen; und so waren Bedenken unerwünscht. Mittlerweile laufen täglich zwölf Kubikmeter Wasser in die einsturzgefährdete Grube. Aus dem für die Ewigkeit gedachten Lager ist der Albtraum der deutschen Atompolitik geworden.

Auch bei der noch wichtigeren Entscheidung, Gorleben als einziges Endlager für hoch radioaktiven Müll, also für ausgediente Brennelemente, zu erkunden, ist gepfuscht worden. Die damals zuständige Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) kam 1983 in einer "ersten Bewertung" der 1979 gestarteten Tiefbohrungen zu der Erkenntnis, dass die tonigen Sedimente über zentralen Bereichen des Salzstocks nicht mächtig genug seien, "Kontaminationen auf Dauer von der Biosphäre zurückzuhalten". Das Gutachten wurde umgeschrieben. Schon in der am nächsten Tag fertigen Neufassung lautete die "Schlussfolgerung", die Hoffnung auf eine Eignung des Salzstocks Gorleben für die Endlagerung radioaktiver Abfälle habe sich "voll bestätigt".