Das Lebensgefühl der Grünen, sagt der Vorsitzende der Grünen, Cem Özdemir, sei geprägt vom "Bedürfnis nach Rebellion, nach Anderssein und Veränderung". Aber, fügt er hinzu, "seriös durchgerechnet und zuverlässig".

Soeben bewirbt sich Özdemir, der in Berlin-Kreuzberg lebt, unter dem Motto "Ein Schwabe für Stuttgart" um ein Bundestagsmandat im Wahlkreis Stuttgart 1. In Baden-Württembergs Landeshauptstadt waren die Grünen zuletzt spektakulär erfolgreich. Bei der Kommunalwahl im Juni wurden sie noch vor der CDU die stärkste Partei. Demnach ist dies ein guter Platz, um die Suche nach der seriös durchgerechneten Rebellion zu beginnen.

Reinhard Möhrle ist Bezirksvorsteher im Innenstadtbezirk Stuttgart-West, Grünwähleranteil, je nach Anlass, bis zu einem Drittel. Möhrle ist 57 Jahre alt, kurzhaarig, schnauzbärtig, freundlich, und wer ihn im Streifenhemd, die schwarze Aktentasche unter dem Arm, durch sein Viertel streifen sieht, der kommt kaum auf die Idee, ihn für einen Rebellen zu halten. Stolz präsentiert er die Errungenschaften seines Stadtteils, das Mehrgenerationenhaus mit Kita und Pflegeheim, das einem Abenteuerspielplatz entwachsene Jugendfreizeitheim, den begrünten Hinterhof über der Tiefgarage. Im Atelier einer Selbstvermarktungsinitiative örtlicher Kleinkünstler bittet die Ladeninhaberin, die sich auf handgefilzte Pantoffeln und Kissen spezialisiert hat, um ein Foto mit Bezirksvorsteher.

Am Schluss des Rundgangs, auf dem begrünten Dach des Bürgerhauses, drängt sich eine Frage auf: Täuscht der Eindruck, dass Möhrle mit dem Lebensstil der Menschen in seinem Stadtteil rundum einverstanden ist? Nun, sagt er, es gebe Probleme mit Jugendlichen und Drogenabhängigen, immer wieder liege Müll herum, und die Bürger klagten über Graffiti. Aber davon abgesehen, "nein, der Eindruck täuscht nicht".

Stuttgart-West ist einer der am dichtesten besiedelten Orte in Deutschland. Gut 50.000 Einwohner, wenige Kinder, wenige Alte, wenige Arbeitslose, 60 Prozent Singlehaushalte. Autos der Marken Porsche, BMW und Mercedes sind stark überrepräsentiert, wie einer Aufstellung der Stadtverwaltung zu entnehmen ist.

Wer den Aufstieg der Grünen in den Großstädten verstehen will, dem können die Probleme dieses Stadtteils mit seinen Autos als Lehrstück dienen. Seit den siebziger Jahren regiert in Stuttgart die CDU; fast genauso lange sperrte sich die Partei gegen jede Form der Parkraumbewirtschaftung. Nun sind in Stuttgart-West die Straßen, Bürgersteige, die Rad- und Fußgängerüberwege abends zugeparkt. Mit einem Kinderwagen eine Straße zu überqueren ist oft unmöglich, so dicht drängen sich die Fahrzeuge.

"Wir brauchen Fußwege, wir brauchen Radwege, wir brauchen Abstellplätze für Räder", sagt Möhrles Stellvertreter Rolf-Peter Kress. "Wir sind hier in der Großstadt. Und da muss ich ja vielleicht überlegen, wie man das Leben in der Großstadt erträglich gestaltet."