Er lächelte schief; das blieb in Erinnerung. Vielleicht weil Said Hajjarian, seit einem Mordanschlag schwerbehindert, es so verstörend heiter kommentierte: "Es muss mich noch mal einer von der anderen Seite anschießen, damit ich wieder gerade lächeln kann."

Das war vor acht Monaten. Ein Gespräch in Iran, einem anderen Iran. Hajjarian schien die Finsternis hinter sich zu haben; er ahnte nicht, was kommen würde.

Wir besuchten den 54-Jährigen damals als Zeitzeugen: Seine Biografie ist so dramatisch wie kaum eine andere in der Islamischen Republik. Mit 18 Jahren stürzt er sich in den Kampf gegen den Schah; belesen, talentiert, eher links wird der junge Ingenieur ein Revolutionär der ersten Stunde. Von Beginn an geht es ihm um die Sicherheit des jungen Staates, er gründet ein Anti-Spionage-Komitee, baut den Geheimdienst mit auf. Ende der achtziger Jahre beginnt er neu zu denken: Nur durch Wandel kann die Islamische Republik überleben. Er wird ein einflussreicher Reformintellektueller, enthüllt die Untaten seiner ehemaligen Geheimdienstkollegen – und wird dafür bestraft durch eine Kugel, die aus der Tiefe des Staatsapparats kommt und sein Gehirn trifft.

Hajjarian, teilgelähmt, artikulierte sich im Gespräch mit Mühe, schleppend und stotternd, und doch sprach er mit Freude, mit der intellektuellen Freude am Reden und Denken: über seine Vorliebe für angelsächsische Philosophie; über seine These, dass eine politisierte Religion stets zum Säkularen neige.

Vergangene Woche wird Hajjarian in den Saal des Teheraner Schauprozesses getragen. Frisch gebügelt der hellgraue Häftlingsanzug, einem Pyjama ähnlich. In einer orangefarbenen Plastikmappe, als müsse es vor Befleckung geschützt werden, ein absurdes Geständnis. Hajjarian widerruft sein Denken der vergangenen anderthalb Jahrzehnte. Das sechsseitige Dokument der Selbsterniedrigung wird vorgelesen von einem Mitangeklagten, einem Vertrauten, der sonst auf politischen Sitzungen sein Sprachrohr ist. Hajjarian entschuldigt sich beim Volk und bei den Studenten für seine politischen Theorien, für seine Empfehlungen westlicher Literatur, für die Anwendung von Max Weber auf die Analyse der iranischen Herrschaftsstrukturen. Am Ende erklärt er, gemeinsam mit dem Vertrauten, seinen Austritt aus der Mosharekat-Partei, der wichtigsten Reformergruppe.

Was ist mit diesem Mann in zwei Monaten Haft geschehen? Im Internet erzählen entlassene iranische Gefangene über die Phasen ihrer Gehirnwäsche. Als Ende Juni das Gerücht kursierte, Hajjarian sei in der Haft gestorben, durfte seine Frau, eine Ärztin, ihn kurz sehen. Sie berichtete Human Rights Watch danach, ihr Mann stehe unter starkem Druck, habe ständig geweint. Die meisten der rund 140 Angeklagten im Schauprozess sind völlig von der Außenwelt isoliert. Einmal gelang es einigen Ehefrauen, den Gestalten in den grauen Pyjamas etwas zuzurufen, als sie aus dem Gebäude des Revolutionsgerichts zurück zu den Gefängnisfahrzeugen geführt wurden. Die Frauen riefen die Namen ihrer Männer, sie riefen: "Liebling, du bist ein Held. Viele stehen hinter euch."

Abends um 20.30 Uhr zeigen die Nachrichten des Staatsfernsehens Ausschnitte vom nichtöffentlichen Prozess am Vormittag. Anfangs sahen sich das viele Iraner an; das erste Geständnis – durch den Geistlichen Mohammed Ali Abtahi, einst Vizepräsident – war spektakulär, schockierend. Seitdem haben sich viele abgewandt; das Staatsfernsehen klagt insgesamt über sinkende Zuschauerzahlen, Künstler und Intellektuelle boykottieren seine Talkshows, und der zornige alte Großajatollah Montazeri hat wieder seine Dissidentenstimme erhoben: Die Gehälter beim Staats-TV seien haram, sündig, denn sie seien Lohn für Beihilfe zur Unterdrückung.