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Wie viel Leere, wie viel Stille kann so ein Kunstwerk eigentlich vertragen? Ein Schemelchen nur, dem jemand ein Fahrradvorderrad aufgeschraubt hat – und soll doch die kolossalen Weiten dieser Halle füllen. Soll den Auftakt machen zur wichtigsten Ausstellung des Herbstes. Mehr noch: Soll aller Welt vor Augen führen, dass hier etwas höchst Ungewohntes auf den Weg gebracht wird.

Schon lange gab es keine Ausstellung wie diese, die konsequent und wagelustig alles infrage stellt, was den Museen der Gegenwart sonst ungeheuer heilig ist. Sie stürmt die üblichen Geschichts- und Gattungsgrenzen, sie schrumpft die Heroen, sie spielt mit den Eigenheiten der Künstler, mokiert sich über ihre Obsessionen. Und mit großem Schwung erklärt sie das Museum, eigentlich doch zuständig für ästhetische Ordnung und historische Gewissheit, zu einem Ort des freien Experiments.

Bislang war der Hamburger Bahnhof in Berlin vor allem ein Hort der Sammler. Nie wusste man recht, was größer war: ihre Kunst oder ihr Geltungsdrang. Erich Marx und Friedrich Christian Flick hatten viele Werke gekauft und füllten die Hallen des staatlichen Hauses mit privatem Zeigestolz. Manches, was hier zu sehen war, glich eher einer Leistungsschau als einer Ausstellung.

Natürlich, auch Udo Kittelmann, der neue Direktor, braucht die Sammler, stünde nackt da ohne ihre Leihgaben und Schenkungen. Doch ihr Verlangen nach Aura, nach Geltung, ihre Hoffnung, das Museum würde dem Sammlernamen ein wenig Ewigkeit verschaffen, all das lässt Kittelmann ins Leere laufen, in die Leere der großen Bahnhofshalle. Seine erste programmatische Ausstellung, ein Neuarrangement museumseigener Bestände und der Sammlungen Flick und Marx, heißt zwar werbesprecherisch Die Kunst ist super!, doch verbirgt sich dahinter eine Absage an alles heroische Getue. Wo bisher schweres Anselm-Kiefer-Pathos und Jason-Rhoades-Gebrodel die Szene bestimmten, steht nun einsam der Schemel mit Fahrradreifen.

Aus einer Laune heraus war die Idee für dieses Objekt entstanden, 1913, im Atelier von Marcel Duchamp. "Das Rad zu drehen war sehr wohltuend, sehr beruhigend", erinnerte sich Duchamp später. "Ich schaute gerne darauf, genauso wie ich es mag, die tanzenden Flammen in einem Kamin zu betrachten." Das Rad zu drehen ist heute streng verboten; die Bewegung ist raus aus diesem Kunstwerk, man hat es aufgesockelt wie eine Skulptur. Und doch ist noch viel zu spüren von dem Leichtsinn, von der kindlichen Lust, mit der Duchamp es zusammenfügte. Heute gilt der Fahrradschemel allgemein als erstes Readymade der Kunstgeschichte und als Durchbruch für die moderne Kunst.

Allerdings war es ein stiller, ein unbrachialer Durchbruch, daran erinnert Kittelmann. Er räumt dem Duchamp-Schemel die gewaltige Museumshalle frei, doch sakralisiert er ihn nicht zur Ikone. In den Weiten des Raums wirkt er geradezu verloren, als sollten endlich alle begreifen, wie unscheinbar, wie zerbrechlich die Anfänge der Moderne waren. Und dass es mithin zum Wesen eines Modernemuseums gehört, sich für das Vorläufige zu begeistern, für eine Kunst aus dem Geist des Spiels.

Was hat die hier zu suchen, eine Stubenfliege mit 2653 Borsten?

Das Museum, von dem Kittelmann träumt, ist nicht länger ein Ort der Belehrung oder Überwältigung. Niemand soll sich klein fühlen im Auge der Kunst, im Gegenteil, er soll zum Sehriesen werden. Dafür muss er nur die große Kiste betreten, die im Seitenschiff des Bahnhofs steht. In dieser Box hat der Künstler Roman Ondák die gewaltige Turbinenhalle der Tate Modern in London nachgebaut, und so fühlt sich, wer das Minimuseum betritt, prompt wie ein Gulliver im Reich der Kunst. Auch darauf zielt die Ausstellung: auf die Ermächtigung der Betrachter.

Und noch ein drittes programmatisches Kunstwerk hat Kittelmann in seine Riesenhalle gestellt, auch wenn man erst meint, es sei kein Kunstwerk, sondern ein alter, zurückgebliebener Güterwaggon. Mitten im Museum ruft er jene Zeit wach, in der hier noch alles Bewegung war, Dampf, Tempo. Natürlich denkt man auch gleich an die Judentransporte, daran, dass dieser Ort nicht abseits der Wirklichkeit liegt, nicht neutral, nicht unschuldig ist. Doch sollte man sich nicht täuschen, der Waggon ist nicht echt. Der Künstler Robert Kusmirowski hat ihn nachgebildet aus Styropor. Eine Kunst, die mit unseren Projektionen spielt, die Fantasie hinauslockt ins Reale und doch ganz dem Als-ob verhaftet bleibt. Eine Kunst, in der ein Leitthema dieser Neupräsentation anklingt.