Das deutsche Theater ist ein kompliziertes Gebilde voller Autoren. Es gibt einfache Autoren (Stückeschreiber), Co-Autoren (Schauspieler, die sich eine Rolle aneignen) und Über-Autoren (Regisseure, die über Rolle und Text herrschen). Die mächtigste Figur im großen Textverarbeitungsbetrieb aber ist der Intendant. Er hat den Status eines Herausgebers oder Verlegers. Von Kulturpolitikern gewählt, ist er nur seiner Fantasie und seinem Instinkt Rechenschaft schuldig. Der Intendant ist ein Überlebenskünstler aus feudalen Zeiten, ein Geschmacks-herrscher mit absolutistischen Befugnissen: Er stellt sich, für ein paar Jahre, im Theater aus lauter Lieblingsmenschen seinen eigenen Staat zusammen.

In diesem Sommer ist vom Intendanten so viel die Rede wie seit Langem nicht mehr, es klingt wie ein Neuanfang. An acht großen Häusern wechseln die Chefs. Barbara Frey (bisher freie Regisseurin) übernimmt das Schauspielhaus Zürich. Matthias Hartmann (bisher Intendant in Zürich) wechselt ans Wiener Burgtheater. Wilfried Schulz (bisher Hannover) geht nach Dresden. Oliver Reese (bisher Deutsches Theater Berlin) geht ans Schauspiel Frankfurt. Joachim Lux (bisher Chefdramaturg der Wiener Burg) wird Intendant des Hamburger Thalia Theaters. Ulrich Khuon (bisher Thalia Theater) wechselt ans Deutsche Theater Berlin. Lars-Ole Walburg wird Intendant in Hannover. Und Frank Baumbauer gibt seinen Posten als Intendant der Münchner Kammerspiele auf (ihm folgt, nach einem Interimsjahr, der Regisseur Johan Simons). Man nennt so etwas "Intendantenkarussell", und manche Leute sind darin seit Jahren unterwegs. Vielleicht ist der Begriff Karussell eine Untertreibung; unser Zeichner Gerald Moll zeigt den Fahrbetrieb als bizarre Achterbahn. Wir sind auf den wilden Schienen ein wenig mitgereist und haben ein paar der Karusselpiloten im Führerstand besucht.

Es gibt einen schönen Musikerwitz, der so geht: Wie viele Gitarristen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln? Antwort: acht. Einer wechselt die Birne, und die anderen sieben diskutieren darüber, wie Jimi Hendrix es gemacht hätte. Wenn man diesen Witz auf die Theaterszene anwenden will, muss man nur Jimi Hendrix durch Frank Baumbauer (64) ersetzen. Die Frage "Wie hätte Baumbauer es gemacht?" schwebt über dem Betrieb; keiner hat ihn so geprägt wie Baumbauer. Das Schauspielhaus Basel, das doch sehr am Rande gelegen hatte, wurde unter seiner Leitung zur Talentschmiede des deutschen Theaters, das Hamburger Schauspielhaus war dank Baumbauer der Zentralort des Theaterzeitgeists, und die Münchner Kammerspiele, die er neun Jahre lang geleitet hat, sind soeben wieder zum "Theater des Jahres" gewählt worden.

Und auch jetzt noch, am Ende, macht er alles richtig: Er geht. Wir treffen ihn am letzten Tag seiner Münchner Amtszeit in seinem Büro, und Baumbauer sagt: "Ich habe in meiner Jugend darunter gelitten, dass die Patriarchen nicht wichen. Man glaubte, man war sie los, aber am nächsten Morgen standen sie wieder in der Tür. So wollte ich nicht enden."

Er habe, so sagt er, das Glück gehabt, zur richtigen Zeit das richtige Theater zu leiten, in Basel, diesem "Kessel hinter dem Schwarzwald". Marthaler, Castorf, Carp, Schulz, Puhlmann, Lilienthal – "sie konnten dort ungestraft Fehler machen, und sie konnten alles ausprobieren, ohne gleich entdeckt zu werden". Das wurden sie dann aber doch – die meisten von ihnen sind heute Leitfiguren des deutschen Theaters.

Baumbauer ist der erfolgreichste unter den nicht Regie führenden "Intendantendramaturgen", er ist der Intendant als Essayist, der sich nicht in einzelnen Inszenierungen verwirklicht, sondern in der Erzeugung eines überwölbenden Geistes, einer höheren Autorenschaft. Erfunden hat er diese Rollenauslegung aber nicht, er hatte einen Lehrmeister, Ivan Nagel, bei dem er einst Dramaturg war. Nagel verkörperte den Typus des reisenden Intellektuellen, des Adorno-Schülers, der eher zufällig ein Ensemble, ein kleines Heer von Spielern und Spielvogten unter sich zu haben schien, welches, was ihm so durch den Kopf ging, folgsam und osmotisch in Spiel und farbigen Abglanz übersetzte. Im Chefzimmer saß nicht mehr ein Herrscher, sondern ein Vordenker.

Von Herrschaft will auch Baumbauer nicht reden. "Wenn ich einmal sagen müsste, ich bin der Intendant, hier befehle ich, dann wäre ich schon verloren." Er sei immer da, aber immer im Hintergrund. So hält er es auch am Ende. "Ich kann nicht groß Abschied nehmen, dazu bin ich nicht der Typ. Ich brauche eine Tapetentür, durch die ich davonhuschen kann."