Vielleicht haben die Deutschen zu oft gehört, Händewaschen sei der beste Schutz gegen H1N1. Vielleicht können sie das Kürzel aber auch einfach nicht mehr hören. Jedenfalls lesen wir: Eine große Mehrheit wolle sich nicht gegen den Erreger der so genannten Schweinegrippe impfen lassen. Besonders gering sei die Bereitschaft bei jungen Menschen. Zumindest ist dies das Ergebnis einer Umfrage vom vergangenen Wochenende.

Wird die Hunderte Millionen Euro teure Impfaktion ein grandioser Reinfall? Werden die Behörden auf den Vakzinen sitzen bleiben? Das Stimmungsbild ist eine Momentaufnahme am Ende der Sommerferien, bei stagnierenden Infektionsraten. Noch musste Deutschland keine Opfer beklagen. Die Meldung vom ersten deutschen Schweinegrippe-Toten aber könnte die Stimmung im Nu umschwenken lassen. Im Oktober sollen Impfdosen für die Hälfte der Bevölkerung verfügbar sein – wie viele Menschen dann die vorsorgliche Spritze haben wollen, ist heute reine Spekulation.

Vor allem aber steht uns die Hochsaison der Grippe noch bevor. Erst im Herbst und Winter, bei niedrigen Temperaturen, können die Viren sich besonders gut verbreiten. Dann bietet nichts besseren Schutz gegen Viren als ein per Impfung trainiertes Immunsystem.

Dem vorbeugenden Piks haftet aber ein Dilemma an: Impfen ist wohl die einzige medizinische Behandlung, bei der man vielen gesunden Menschen ein Mittel verabreicht, das manchen von ihnen Unannehmlichkeiten bereiten wird – eine Rötung an der Einstichstelle oder einen Tag körperlicher Erschöpfung. Das ist zwar nicht weiter schlimm, aber warum soll jemand, der sich gesund fühlt, dieses Risiko in Kauf nehmen, wenn doch im Fall einer Erkrankung die Grippe meist glimpflich verläuft?

Die Antwort lautet: Es geht gar nicht so sehr ums persönliche Risiko. Die Impfung gegen eine so hoch ansteckende Seuche ist nicht nur ein Dienst an der eigenen Gesundheit, sondern auch an der aller anderen. Wer an der Schweinegrippe erkrankt, gefährdet sein komplettes Umfeld, die schwangere Frau in der U-Bahn genauso wie den Verkäufer im Supermarkt von nebenan. Und je höher die "Durchimpfungsquote", desto besser ist die "Herdimmunität" einer Bevölkerung, umso schlechter kann ein Erreger sich ausbreiten – so sehen es Virologen.

Gerade aber weil die Schweine- im Gegensatz zur saisonalen Wintergrippe überproportional viele junge Menschen trifft, ist für die kalte Jahreszeit auch das genaue Gegenteil der momentanen Ignoranz denkbar: Wer erst einmal persönlich mitbekommt, wie infizierte Freunde oder Arbeitskollegen eine Woche lang mit Fieber und Gliederschmerzen das Bett hüten müssen, könnte sich die Sache mit dem Piks noch einmal anders überlegen. Dann kann man nur noch hoffen, dass für die spät Sensibilisierten noch genügend Impfserum übrig ist.