Die nordafrikanische Küste teilt die Welt der Flüchtlinge, die in den Sommermonaten in Richtung Europa aufbrechen, von der Welt des Wohlstands. Inzwischen sorgt die Regierung Berlusconi mit Finanzspritzen dafür, dass die tunesische Küstenwache die Uferzone Tag und Nacht nach Flüchtlingsbooten absucht. Zenzeri holt mit der Handkante aus, als zerteile er zwei Hälften. "Bahr, sahal", sagt er. "Meer, Küste." Das Ufer ist jetzt auch für ihn eine Mauer, seit er nicht mehr fischen darf. Ein Leben ohne das Meer, das ihre Familien ernähre, sagt er, sei kein Leben. Einer der Fischer habe versucht, sich umzubringen.

Zwei Tage nach der illegalen Seefahrt, auf der die Fischer die Ereignisse vor Lampedusa noch einmal rekonstruiert haben, zeigt bin Kalifa Fotos. Bevor die Carabinieri, deren Sprache er nicht verstand, ihn einsperrten, war seine Haut glatt, das Haar dicht. Jetzt ist sein Gesicht voller Scharten, das ergraute Haar schütter. Mit Handschellen und in Käfigen seien sie in Sizilien zum Gericht gebracht worden. "Als wären wir Schwerverbrecher. Schlimmer ist aber, dass sie uns das Meer genommen haben. Warum haben sie das getan?" Er wäscht Hände und Füße im Waschbecken, nimmt einen Teppich von der Wäscheleine des sonnendurchfluteten Hofs, breitet ihn in der Ecke nach Südosten aus und betet. Nach Sonnenuntergang serviert seine Frau ein Festmahl mit gegrillten Rotbarben und Makrelen.

Gefischt wird meist mit drei Booten, nachts, wenn die Schwärme höhersteigen, um nach Futter zu suchen. Zwei locken die Fische mit Scheinwerfern an die Oberfläche, das volle Netz wird dann in den Bauch des Mutterschiffes entleert.

Vor Gericht wurde Zenzeri und seinen Männern vorgehalten, dass keine Netze auf den zwei sichergestellten Kuttern gefunden worden seien, dass sie eben doch Menschen geschmuggelt hätten. Das große Boot mit dem Schleppnetz sei schon auf dem Rückweg nach Tunesien gewesen, sagt Zenzeri. "Die Fangmethode mit drei Booten, von denen nur eines ein Netz hat, kommt aus Italien." Im Hafen von Teboulba liegen die Kutter im Dreierpack vertäut.

Der Fischereibeauftragte von Teboulba vermutet, die Italiener prozessierten, um die afrikanischen Fischer von ihren Küsten fernzuhalten. Zwölf Seemeilen hinter der italienischen Küste beginnt internationales Gewässer. Jeder Fischer mit Lizenz dürfe dort seine Netze auswerfen, das stinke den Italienern. Auch Zenzeri glaubt, die Italiener hätten Angst, die Tunesier könnten ihnen die Sardinen wegfischen. "Aber es geht auch um Menschen." Um die sogenannten Wirtschaftsflüchtlinge, die clandestini ("Illegale") genannt werden, weil sie nicht die ökonomischen Voraussetzungen erfüllen, um ein Schengen-Visum zu erhalten, und die deshalb den Tod riskieren, um ihre Heimat zu verlassen.

Zenzeris Fall stand in allen tunesischen Zeitungen. Der tunesische Botschafter in Rom erschien zum Prozessauftakt im Gerichtssaal. Doch ansonsten verhalte sich die Regierung still, sagt Zenzeri. "Außer dass ich inzwischen überwacht werde."

Die Sonne steht fast im Zenit. Der Kapitän deutet auf die Silhouette eines Frachters am Horizont und malt ein neues, ein ganz anderes Schreckensszenario aus: Ein Kreuzfahrtschiff, voll besetzt mit reichen Europäern, gerät in Seenot. Funkt SOS und erhält keine Antwort. Hunderte ertrinken. Nach der Tragödie stellt sich heraus, dass Fischer in der Nähe waren, aber nicht geholfen haben. "Ich will nicht wissen, was dann passieren würde." Es entsteht eine Pause, bevor Zenzeri sagt: "Ich würde alles wieder so machen."

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