Der Zeigefinger von Christian Vogt gleitet über eine Karte der norwegischen Nordsee, die in viele kleine Rechtecke aufgeteilt ist. Es sieht ein bisschen so aus, als spiele Vogt Schiffe versenken. Bei einem Kästchen mit dem Kürzel PL 414 bleibt sein Finger stehen. "Hier haben wir schon Zugang zu einer Gasquelle", sagt er. "Und hier", sein Finger ist inzwischen weitergewandert, "führen wir gerade Probebohrungen durch."

Vogt ist kein Manager eines internationalen Energiekonzerns. Er leitet den Bereich Beteiligungen bei den Münchner Stadtwerken. Aber wenn man dem 39-Jährigen zuhört, hält man es fast für selbstverständlich, dass sich ein Stadtwerk aus Bayern an einer 6000 Meter tiefen Explorationsbohrung in der Nordsee beteiligt.

Was fast nach Größenwahn klingt, ist ein konsequenter Gegenentwurf zu einer Energieversorgung, die man in weiten Teilen Deutschlands nahezu komplett den großen Konzernen überlassen hat. Das Gas kommt dort überwiegend aus Russland – und den Strommarkt haben weitgehend die vier Energieriesen E.on, RWE, Vattenfall und EnBW untereinander aufgeteilt.

Münchens Oberbürgermeister Christian Ude nennt die großen Energiekonzerne nur die "vier Besatzungsmächte". Vom Rathaus am Marienplatz aus, in dem er bereits seit 1993 regiert, hat der SPD-Politiker München gegen alle Widerstände zu einer Art gallischem Dorf gemacht, das seine Unabhängigkeit gegenüber den Energieriesen immer weiter ausbaut. Energieversorgung ist zu einem politisch brisanten Thema geworden, nicht erst seit ein Streik in der Ukraine in Deutschland Sorgen über einen kalten Winter entfachte. Vielen anderen Städten dient München mittlerweile als Vorbild.

Vor zehn Jahren musste sich Ude als Betonkopf verspotten lassen, wie er sagt, weil er die Münchner Stadtwerke partout nicht verkaufen wollte. Wie eine Welle breitete sich damals die Privatisierung der kommunalen Energieversorger in Deutschland aus: Hamburg und Berlin verkauften ihre Elektrizitätswerke an Vattenfall. RWE beteiligte sich unter anderem an den Stadtwerken Duisburg, Düsseldorf und Magdeburg. E.on sicherte sich die Thüga, die Anteile an fast hundert Stadtwerken in ganz Deutschland hält. Die Kommunen lockte vor allem das schnelle Geld. Hamburg etwa kassierte für seine Elektrizitätswerke insgesamt mehr als 2,5 Milliarden Euro – und konnte damit den maroden städtischen Haushalt entlasten.

"Wir wollten selber zum Ölscheich werden, der das Geld verdient"

Auch die Münchner Stadtwerke standen auf der Wunschliste der Energiekonzerne. Ude erinnert sich, dass man ihm sogar ehemalige Politiker ins Rathaus schickte, um ihn zu einem Verkauf zu überreden. Die Konzerne versuchten damals vehement, sich möglichst viele Stadtwerke einzuverleiben. Während sie die Erzeugung und die großflächige Verteilung schon weitgehend untereinander aufgeteilt hatten, fehlte ihnen noch der direkte Zugang zum Kunden. Den bieten die Verteilnetze der Stadtwerke. Sie zu kaufen bedeutet, den gesamten Markt – beim Strom von der Produktion im Kraftwerk bis zur Steckdose – kontrollieren zu können. Der Traum jedes Energiemanagers.

Für Ude ein Albtraum: "Wir hätten nur noch in der Zeitung lesen können, was ein profitgesteuerter Konzern entscheidet und wie hoch der Strompreis ist." Er beschloss, in eigene Erzeugerkapazitäten zu investieren. "Wir wollten nicht mehr nur der Tankstellenwart sein, der vom Autofahrer beschimpft wird, wenn die Benzinpreise steigen", sagt Ude. "Wir wollten selber zum Ölscheich werden, der das richtige Geld verdient."