Sofia Martens ist eine korrekte Person ohne Sinn für niedere Gefühle: In ihrem Achitekturbüro arbeiten Frauen an Entwürfen für Museen, Fußballstadien und Bahnhöfe. Nur ein bebrilltes junges Männchen darf die bessere Kaffeedame spielen. Es schwärmt von der Chefin, als hätte sie das Heil verkündet – tatsächlich hält die Großbürgerin Martens gerne Ansprachen über das ewig Weibliche. Ihre Großprojekte sind keine kalten Klötze, sie integriert ausdrücklich Licht, Baum und Gebüsch.

Architektenlatein, denken wir nach einer halben Stunde, wann endlich dürfen wir den Filmtoten betrauern? Frau Martens belässt es nicht bei Worten, in Nachahmung der Männer trifft sie sich zum Stammtisch, mit Schwestern gleicher strammer Gesinnung. Die Champagneramazone bringt einen Trinkspruch auf die Kraft der Fraulichkeit aus; ihr Mann hütet derweil Heim und Herd und tröstet die Kinder, weil die Mama wie so oft wegen dringender Geschäfte fehlt.

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Es ist, als hätte man jede Rolle gegen das Geschlecht und gegen die Konvention besetzt und gerade noch davon abgesehen, den Männern ein Sabberlätzchen umzubinden.

Aha, ein experimenteller Film – also schalten wir nicht aus und gähnen so lange, bis der Kiefer knackt. Gegen die Müdigkeit hilft aber auch, dass die Kommissarin Sänger und ihr Kollege von der Regie angeschnauzt werden, endlich zu ermitteln. Denn erstens: Die Assistentin von Frau Martens ist verschwunden, und zweitens: Ein Perverser ruft bei Frau Martens an und stöhnt und atmet ins Telefon.

Die Architektin sagt über die Vermisste: Keiner hat die Seele meiner Arbeit so sehr verstanden wie sie! Wir möchten der Leidensfrau ein Tränentüchlein reichen, aber sie würde doch nur ihr Make-up ruinieren, wenn sie sich die Augen sanft trocken tupfte. An dieser Stelle ein Wort an die Maske: Wenn sich das Wangenrouge mit dem Lidstrich zum wundbrandvioletten Schatten vermischt, ist das … nicht gut. Andrea Sawatzki und Nina Petri sehen leider aus wie Dragqueens auf dem Karnevalswagen.

Aber wenden wir uns trotz unseres Entsetzens der Geschichte zu. Die Kommissarin kann in der kalten Jahreszeit besser nachdenken, und also kommt sie der betont beherrschten Martens auf die Schliche: Diese ist nämlich eine spät berufene Lesbe in der Hoch-Zeit ihrer Gefühle, sie hat sich in ihre Assistentin verknallt, der ihrerseits die Avancen ihrer Chefin lästig wurden. Plötzlich taucht ein gewisser Charlie auf, der koksende Knallkopf verdingt sich bei den Champagnerdamen als Stricher. Weil er seinen Körper verkauft, aber in Wahrheit nur die Vermisste liebt, hält er die Hand über die Kerzenflamme.