Als Guido Westerwelle seine Rede beendet hat, meldet sich ein Zuhörer zu Wort, ein sichtlich irritierter Manager der BASF. Was denn bloß in ihn gefahren sei, fragt er Westerwelle, dass er auf einmal große deutsche Unternehmen angreife. Im Saal erstirbt für einen Moment das leise Geklingel von Besteck an Porzellan. Man sitzt beim "Wirtschaftspolitischen Frühstück" der Industrie- und Handelskammer Berlin, Westerwelle ist als Gastredner geladen. Was hat er denn hier vor den Wirtschaftsleuten gesagt, das den BASF-Mann so empört? Nichts anderes als das, was er draußen auf den Marktplätzen seit Wochen sagt. Gegen "die Dax-Hörigkeit der deutschen Politik" hat er gewettert und dem "glücklicherweise hier im Saal vertretenen Mittelstand" zugerufen: "Seit einem halben Jahr kümmert sich die Politik nur noch um Dax-Konzerne!"

Was ist los mit Westerwelle, mit den Liberalen? Das waren doch die, die immerzu predigten: In Deutschland läuft alles schlecht. Deutschland verpennt die Globalisierung. Deutschland muss amerikanischer werden. Das war die Partei ohne Milieu. Liberalismus in Deutschland war eine Ideologie für selbst designte Eliten und Zeitgeistsurfer, eine ziemlich heimatlose Veranstaltung.

Etwas Merkwürdiges ist im jetzt vergehenden Jahrzehnt passiert: eine politische Seelenwanderung von links nach liberal. Ein Kerngefühl der deutschen Linken, der ewige Hader mit dem eigenen Land, ist unmerklich zu den Liberalen hinübergewandert. Samt der Sehnsucht nach dem ganz Anderen, dem Land der Utopie. Liberale Pamphlete und Reden waren durchtränkt von diesem agitatorischen Ton. Nur das Utopia war ausgewechselt: Was der Neolinken Nicaragua gewesen war, das war den Neoliberalen ein Amerika, wie sie es sich dachten.

Der Partei fehlte lange Zeit die Erdung, ein Milieu

Ein liberales deutsches Milieu – wie das aussähe, hatte man ein letztes Mal 2003 erleben können, ausgerechnet bei der Beerdigung von Jürgen Möllemann. Immer mehr Tische mussten vor der Kirche aufgestellt werden für immer neue Kondolenzbücher, so lang waren die Schlangen, und sie rissen nicht ab. Nicht die üblichen paar Parteifreunde standen an, da stand das Münsterland, so wirkte es. Alle waren gekommen, von den Honoratioren bis zur alleinerziehenden Mutter mit Rucksack. Aber es war eben Möllemann. Dessen Eskapaden versiegelten auf Jahre jeden Impuls der Liberalen, auch nur im Ansatz so etwas zu sein wie eine Volkspartei.

Einer fehlte damals am Grab – Guido Westerwelle. Und eines fehlte der FDP seitdem: eine Erdung, ein Milieu. Das Gefühl, hier reden Politiker aus der Mitte der Gesellschaft über Dinge, die diese Mitte angehen. Und nun verdoppelt dieselbe FDP mit demselben Vorsitzenden Westerwelle in drei Landtagswahlen ihren Stimmenanteil fast. Auch für den 27. September werden Zuwächse prognostiziert. Erstaunlich viel Volk zieht Guido Westerwelle auf die Marktplätze und in die Bierzelte landauf, landab. Wo er auftritt, ist "die Hütte voll". So nennen es die jungen Herren seiner Entourage.

Es ist die Woche, in der Horst Seehofer gegen die FDP gepoltert hat, und der Tag, an dem Westerwelle zurückgepoltert hat, mittags in Berlin, schärfer denn je hat er die Union angegriffen. Dann ist er in die schwarze Limousine mit dem Kennzeichen B - GW 2009 gestiegen und ab nach Thüringen gefahren, nach Gera. Hier ist seine Bühne schon aufgebaut, samt Tischen und Bänken und Hüpfburg. Noch ist der Museumsplatz leer, ein Trio überbrückt das Warten auf den Star mit Soulhits. Alle Viertelstunde kündigt ein junger Mann den Auftritt des Vorsitzenden Guido Westerwelle an. 

Und noch einer ist an diesem hochsommerlich warmen Tag in der Stadt – Franz Müntefering. Da ist er schon. Geht durch Geras Altstadtgassen in seinem nicht zu schlichten, nicht zu eleganten mattbraunen Anzug, ein paar thüringische Genossen sind um ihn. Greift in den Korb, den eine Genossin trägt, und schenkt entgegenkommenden Passanten die eine oder andere Rose. Erreicht den Stand seiner SPD am Johannisplatz, steht dort eine Weile bei seinen Genossen. Einer raunt ihm zu:

"Der Guido ist auch da."

Franz Müntefering taucht kurz aus seiner Abwesenheit auf: "Ach ja? Hier?"