Angela Merkel und F.-W. Steinmeier nagen in der Rotunde des Kanzleramtes an Cornettos aus dem Bundeseisfach in der K-Küche. Sie wähnen sich allein und benutzen das freundschaftliche Du.

Merkel: Wieso war Sonntag ein "guter Abend" für die SPD? Im Saarland habt ihr sechs Punkte verloren; das ist das schlechteste Ergebnis seit 1955. In Sachsen hätte euch fast die FDP überrundet.

Steinmeier: Ihr habt viel mehr verloren.

AM: Ja, im Saarland und in Thüringen. Aber wieso ist das gut für euch? Wenn ihr dabei auch noch in zwei Ländern hinter der Linken gelandet seid?

Steinmeier schweigt und beißt gedankenverloren in sein Cornetto.

AM: Sei doch realistisch. Im Saarland haben sie für den Lokaldemagogen Lafontaine gestimmt; in Thüringen gegen unseren Althaus, weil nur 17 Prozent sein Verhalten nach dem Skiunfall gut fanden. Wo das Persönliche fehlte, in Sachsen, ist alles gleich geblieben; da hat die Linke sogar drei Punkte verloren. Wir können jetzt zwischen euch und der FDP wählen.

FWS: Ja, aber in Thüringen können wir mit der Linken eine Regierung bilden.

AM: Toll, als Anhängsel mit einer Stimme Mehrheit. Da habt ihr’s mit uns besser und stabiler. Denk immer an den Lenin-Spruch, den wir in der DDR gelernt haben: Kto kowo? – Wer wen?

FWS: Immerhin haben wir euch das Siegerlächeln aus dem Gesicht gewischt.

AM: Dazu sag ich jetzt nichts.

FWS: Und die Karten sind neu gemischt.

AM: Bleib realistisch, und denk weiter. Ihr habt in Weimar gegen den linksradikalen Abspalter USPD gekämpft. 1920 bekam sie 18 Prozent, 1924 war sie weg. Ihr habt der SED die Vereinigung verweigert, davor als Einzige gegen das Nazi-Ermächtigungsgesetz gestimmt. Und jetzt träumt ihr für 2013 von Rot-Rot-Plus – mit einer linksreaktionären Partei, der zur Zukunft nicht mehr einfällt als eine Reichensteuer und eine isolationistische Außenpolitik. Oh, heiliges Bad Godesberg!

FWS: Zerbrich dir nicht unseren Kopf.

AM: Das ist auch unser Kopf. Wenn ihr euch jetzt nach links radikalisiert, gibt’s einen Lagerwahlkampf, der uns in die Fünfziger zurückwirft. Außerdem kann das deine Partei zerreißen. Wie wollen wir nach dem 27. September eine Große Koalition machen, wenn wir’s müssten?