Im goldenen Reich des Preisvergleichs – Seite 1

Gary Stanley Becker erhielt 1992 den Nobelpreis "für seine Verdienste um die Ausdehnung der mikroökonomischen Theorie auf einen breiten Bereich menschlichen Verhaltens". Mit anderen Worten: Becker erklärte das wirtschaftliche Nutzenkalkül zum Schlüssel für das menschliche Verhalten.

Der Chicagoer Professor erläutert seine Theorie so: "Der Kern meines Argumentes ist, dass das menschliche Verhalten nicht schizophren ist, einmal auf Maximierung ausgerichtet, einmal nicht. Alles menschliche Verhalten kann vielmehr so betrachtet werden, als hätte man es mit Akteuren zu tun, die ihren Nutzen bezogen auf ein stabiles Präferenzsystem maximieren und sich in verschiedenen Märkten eine stabile Ausstattung an Information und anderen Fakten schaffen."

Die Anthropologie wird so zur Ökonomie und die Ökonomie zur Weltformel. An die Stelle des Homo sapiens tritt der Homo oeconomicus.

Der Homo oeconomicus zeichnet sich dadurch aus, dass er ständig seinen Vorteil sucht. Das ist ein anstrengendes und einseitiges Leben, weil der Vorteilsucher permanent eine Kosten-Nutzen-Analyse vor jede Handlung setzen muss. So wird der Schnäppchenjäger zum neuzeitlichen Pfadfinder im goldenen Reich der Nutznießer.

In die Vorteilsmaximierung werden wir eingeübt durch Preisvergleich. Das ist die Grundschule der Nutzenmaximierung. Die Weltliga des Preisvergleichs hingegen spielt auf dem Börsenparkett.

Ich bin kein Kalkulator rund um die Uhr, sondern finde sogar noch Spaß an Sachen, die nutzlos sind. Eine wirtschaftliche Kosten-Nutzen-Analyse geht meiner Kaufentscheidungen nicht in jedem Fall voraus. Ich wäre damit auch restlos überfordert. So viel Informationen, wie für ein rundum objektives Urteil nötig wären, kann sich kein Mensch beschaffen.

Doch das Schnäppchenangebot wird immer größer. Selbst der Sozialstaat wandelt sich zum Warenhaus. Alters- und Gesundheitsversicherung sollen nach dem Willen der Privatisierer zusammengestellt werden wie die Ausstaffierung einer Braut. Man sucht sich die Ausstattung für soziale Sicherheit je nach Geschmack und Geld zusammen.

 

Dafür aber muss der kalkulierende und kostenbewusste Homo oeconomicus seriöserweise ein beachtliches Quantum aus dem beschränkten Zeitkontingent abzweigen, das ihm fürs Leben zugewiesen ist. Selbst bei alltäglichen Kaufentscheidungen ist der Zeitaufwand beträchtlich. Für Butter, Brot, Käse, Wurst, Salatöl, Haarspray, Spinat, Zahnpasta, Kartoffeln, Mundwasser oder Mottenvernichtungsmittel steht inzwischen ein vielfältiges Angebot mit Preis- und Qualitätsdifferenzen zur Verfügung. Allein die Preislisten von Aldi, Plus, Rewe, Lidl täglich zu vergleichen und auf Schnäppchen zu untersuchen kostet, wenn der Vergleich gediegen vorgenommen wird, ein paar Stunden pro Tag. Schließlich müssen nicht nur die Geldbeträge verglichen werden, sondern auch die Quantitäten, denn 450 Gramm Gulaschsuppe sind beispielsweise bei gleichem Preis teurer als die Suppe in der 500-Gramm-Dose.

"Konsument" ist ein neuer Beruf, bei dessen sorgfältiger Ausübung man mehr Geld sparen als in der gleichen Zeit mit einem Hungerlohn verdienen kann. Der materielle Gewinn, der aus der Schnäppchenjagd gezogen werden kann, setzt jedoch einen Verzicht auf einen Teil der Freizeit voraus. Das kann gegebenenfalls bis zur Einschränkung der Nachtruhe führen, weil man zwei Stunden früher das Bett verlassen muss, um alle potenziellen "Schnäppchen des Tages" rechtzeitig zu erwischen.

Sollte allerdings am selben Tag noch eine Fahrt mit der Deutschen Bahn geplant sein, muss die Vorbereitungszeit für den Ernstfall der täglichen Kaufentscheidungen um mindestens eine weitere Stunde verlängert werden. Der Einfallsreichtum der Deutschen Bahn bei der Gestaltung ihrer Fahrpreise würde nämlich jedem Erfinder von Verwirrspielen zur Ehre gereichen.

Könnte es sein, dass wir auf der Schnäppchenjagd agieren, als fände ein nie endender Schlussverkauf statt, und dass wir wählen und im Plunder wühlen wie auf der Suche nach dem unbekannten Schatz, derweil wir nur Krimskrams auffädeln? Könnte es sein, dass wir von besinnungslosen Kaufentscheidungen gequält werden und unsere nicht bemerkte Krankheit der eines Paranoikers gleicht, der ständig unter Handlungszwang steht?

Der Schattenmann des Schnäppchenjägers ist der Evaluationsexperte. Der Schnäppchenjäger agiert vor dem Ereignis, der Evaluationsexperte danach. Er betrachtet die Schnäppchenjagd im Rückspiegel und vergleicht das Ergebnis mit den höchstmöglichen Erwartungen. So frisst sich die ständige Notengebung ins alltägliche Leben. Kein Hotelaufenthalt ohne Fragebogen-Ausfüllpflicht: Service, Rezeption, Küche, Restaurant, Reinigung müssen auf einer Skala von 0 bis 10 bewertet werden. Keine Stelle im Hotel, deren Besatzung sich nicht wie ein Delinquent dem Urteil – der Gäste – aussetzen muss. Wer die Scharfrichterrolle verantwortungsvoll ausüben will, braucht Zeit – viel Zeit. Es reicht dafür nicht, einfach das Frühstück ausfallen zu lassen. Was immer am Tag geschieht, die Benotung folgt. Universitätsseminare, Pflegedienste, Beerdigungsinstitute, Kindergärten. Kinder benoten Erzieher. Verkehrssünder die Verkehrspolizei. Vegetarier die Auslage der Fleischerei. Manchmal werden die Mühen der Bewertung sogar mit einer Verlosung belohnt, die dann im Falle des Gewinns mit einer Preisbewertung endet.

Das Feedback zieht sich in Endlosschleifen durchs Leben und heuchelt eine Fundamentaldemokratisierung aller Lebensbeziehungen vor. Die Evaluationitis ist bereits zu einem Gewerbe mit professionellen Hierarchien ausgebaut. Im Himmel der Bewerter rangieren die Ranking-Agenturen, die über Leben und Tod von Firmen und ganzen Staaten entscheiden. Das Bodenpersonal stellen Sozialforscher, die in Callcentern Meinungsforschung betreiben sollen. In die abendliche Mußestunde schrillt der Klingelton eines Telefons, aus dem die Stimme ertönt: "Was halten Sie von … Meinungsforschung?"

Entgangen ist den selbstgefälligen Evaluierern, dass Leistung, die bewertet werden soll, eine Definitionsfrage ist. Liebe, Ehrfurcht, Treue, alles Sachen, mit denen man nicht kalkulieren kann, fallen aus dem Wirkungskreis der verwirtschafteten Gesellschaft. Der Homo oeconomicus kann Überraschungen schlecht vertragen, weil sie das Moment des Unvorhersehbaren in sich tragen. Alle Ziele des verwirtschafteten Menschen lassen sich als Rechenergebnisse ausdrücken. Die Schnäppchenjagd ist das Propädeutikum zur hohen Schule der Nutzenmaximierung, die zur allgemeinen Maxime des Lebens werden soll. Wie der Idiot kennt der Nutzenmaximierer nur seinen Vorteil. Wie die Wurst vor der Nase des Hundes diesen lenkt, so bestimmt die Anziehungskraft des Schnäppchens alle Handlungen des Konsumenten.

 

Der Homo oeconomicus aber ist als anthropologisches Modell nicht nur ohne Fleisch und Blut, sondern auch ohne Vernunft. Die menschliche Ratio funktioniert nämlich nicht wie eine Rechenmaschine. Sie folgt Zielen, die nicht errechnet werden können. Schließlich lebt der Mensch nicht nur vom Brot allein, sondern er bedarf auch der Anerkennung, und die ist unbezahlbar. Wechselseitige Anerkennung hält die Gesellschaft zusammen. Achtung ist ein nicht materielles Überlebensmittel. Was einen Preis hat, kann ausgetauscht werden, ist also ersetzbar. Was aber Würde besitzt, verlangt Achtung, und die ist kein Tauschmittel.

Norbert Blüm, 74,  war von 1982 bis 1998  Bundesarbeitsminister. Der CDU-Politiker lebt  in Bonn