Fulvio Pelli brauchte Bewegung nach seiner Fastkandidatur. Mit Freunden tobte er sich am letzten Augustwochenende am Stilfserjoch aus. Nur eine Dreiviertelstunde habe er vom 915 Meter hoch gelegenen Prad aus auf den 2758 Meter hoch gelegenen Pass gebraucht, erzählte er stolz Medienleuten. Kein Zweifel, der Mann ist in Form. Körperlich.

Weniger dynamisch war sein Interesse, Tessiner Bundesratskandidat zu sein. Und genauso zögerlich und schlaff wie Pelli wirkten die Statements des Kantons Tessin zugunsten seines FDP-Präsidenten. Eigentlich wollte man nach zehn Jahren endlich wieder einen eigenen Bundesrat – brachte aber als offizielle Äußerung nur ein Lüftchen zustande: Man "respektiere" Pellis Haltung. Worauf dieser im Nachhinein durchblicken ließ, er habe sich zu wenig unterstützt gefühlt. "Mögen hab i schon wollen, aber dürfen hab i mi ned getraut", hätte der Kabarettist Karl Valentin wohl diese Orgie der Unentschlossenheit kommentiert.

Es ist traurig, mitanzusehen, wie das Tessin wieder einmal ganz seine Rolle ausfüllt, die ihm die Geografie zugedacht hat: Wurmfortsatz im Süden. Entschiedene Anstrengungen, am Geschehen im Land entscheidend und damit gestalterisch mitzuwirken, erwartet man aus diesem Kanton derzeit vergeblich. Die Ländereien südlich des Gotthards versinken in der Bedeutungslosigkeit – und deren Bevölkerung verhält sich entsprechend.

Der Stellenwert, den das Tessin im Rest der Schweiz momentan "genießt", wird augenfällig an einem ganz normalen Septemberdonnerstag. Es regnet in Strömen. Eine lange Autokolonne durchzieht die Magadinoebene, Zürcher, Berner, Thurgauer, Appenzeller und Waadtländer. Alle verlassen sie fluchtartig die Sonnenstube, wenn diese ihren Erwartungen nicht entspricht – weil es dort regnet.

Schließlich verspricht "Schweiz Tourismus" es allen: "Der Südzipfel der Schweiz heißt Tessin. Hier wird italienisch gesungen, gut gegessen und lustvoll den Sonnenseiten des Lebens gehuldigt." Man mag in der Schweiz das lustvolle Tessin gar nicht, wenn es dort nicht sonnig und fröhlich zugeht. Und wehe, das italienisch singende Völklein hinter der großen Röhre begehrt auf und wagt, Forderungen zu stellen. Zum Beispiel Dinge wie einen eigenen Bundesrat.

Als im Frühjahr 2008 anlässlich der geplanten Schließung der SBB–Industriewerkstätten die Tessiner mal Biss zeigten und zu Tausenden auf die Straße gingen, kam das im mächtigen Norden nicht gut an. In einem freisinnigen Deutschschweizer Medium hieß es, die betriebswirtschaftlichen Überlegungen der SBB hätten Vorrang vor den regionalpolitischen Interessen des Tessins.

Auch jetzt, bei der Ausmarchung der Bundesratskandidaten, scheren sich die helvetischen Meinungsführer nicht um die Befindlichkeiten und Ansprüche ihrer wenigen Landsleute im Süden: CVP-Präsident Darbellay meinte gegenüber Journalisten, parteipolitische Überlegungen hätten Vorrang vor regionalpolitischen Interessen der Südschweiz.

Systematisch ignoriert der Deutschschweizer mittlerweile, dass die Sonnenstube zur eidgenössischen Sorgenstube geworden ist. Zugegeben, auch die Tessiner selbst verdrängen diese Realität und tun sich schwer, mit einer einzigen, entschlossenen Stimme zu sprechen. Das liegt schon an der Topografie, die völlig verschiedene ökonomische und soziale Interessen hervorbringt.

Durchquert man das Tessin von den Alpen her, reist man von Airolo aus an wilden Bergflüssen entlang, durch die landschaftlich überwältigende Seenlandschaft des Sotto- und des Sopraceneri und durch die Toskana des Mendrisiotto bis zum wenig attraktiven Ende der Schweiz in Chiasso (von wo aus ein finsterer Tunnel den Übergang nach Italien ermöglicht), dann erkennt man, aus wie vielen unterschiedlichen Facetten der Kanton besteht. Und man begreift, wie schwierig es sein muss, hier ein gemeinsames Interesse zu finden.

Unentschlossenheit sei typisch für den Südkanton. Er neige zum Überlebens-, nicht aber zum Siegeswillen oder zur Lust aufs Risiko, sagen (selbst)kritische Beobachter in der Südschweiz. Wer genügend Unternehmungsgeist aufbrachte, sei ausgewandert und habe es erst außerhalb des Kantons zu etwas gebracht. Die Palette reicht von den Architekten, die St. Petersburg erbauten, bis zur heutigen Genfer Polizeidirektorin, die diesen Posten in ihrer Heimat Tessin nie erhalten hätte. Umgekehrt wurde einer der wichtigsten Pfeiler der kantonalen Wirtschaft, die Hotellerie, durch Deutschschweizer und Ausländer initiiert.

Der Rest der Schweiz pflegt ein patriarchalisches Verhältnis zum Südkanton. Man will dort Sonne, Seen und Berge genießen. Sprache und Kultur des in die Lombardei hineinragenden Dreiecks interessieren nur marginal. Italienisch sprechen die wenigsten Gäste aus dem Norden; eher sind sie verwundert, dass im Tessin das Italienische noch immer vorherrscht. Mit der Deutschschweiz verbindet das Tessin 140 Kilometer Grenze – mit Italien über 200. Das trägt zum steten Ringen um das eigene Identitätsgefühl bei. Für Marco Solari, Präsident des Tessiner Tourismusverbandes und des Locarneser Filmfestivals, hat der Kanton mindestens drei Seelen: die des piemontesischen Westtessins von Locarno (mit seinem kulturellen Anspruch); diejenige des südlichen Tessins um Lugano, das sich der Lombardei (und damit der Industrie) zuwendet; und das nördliche Tessin der Alpentäler.

Wahrgenommen wird das Tessin in der übrigen Schweiz so nicht. Legendär ist der Ausspruch des Nochkulturministers Pascal Couchepin, der im Mai 2000 bei einem Besuch im Tessin die Ängste der Bevölkerung vor dem übermächtigen Nachbarn Lombardei lapidar mit dem Satz wegzuwischen versuchte: "Seien Sie doch froh, dass Sie nicht Sizilien als Nachbarn haben." Dieser Satz, ausgesprochen wenige Wochen vor der damaligen Abstimmung über die bilateralen Verträge, die vom Tessin dann auch prompt abgelehnt wurden, charakterisiert die herablassende Haltung gegenüber dem Tessin. Die Motive dafür reichen bis in eine Zeit, als die Tessiner noch Untertanen der italienischen Vogteien waren und in den Akten der eidgenössischen Tagsatzungen als "arme Vasallen jenseits der Berge" bezeichnet wurden.

Im Tessin reagiert man empfindlich auf solch unterschwellige "Nun stellt euch mal nicht so an"-Statements. Sie fördern gegenüber Bern das latente und resignative Minoritäten- und Isolationsgefühl, das Eigeninitiative abwürgt und gemeinsames Handeln aus Selbstbewusstsein heraus erschwert. Dabei ist es umgekehrt leicht vorstellbar, was in der Region Basel passieren würde, wenn sich in 45 Minuten Fahrdistanz der Großraum Paris befände. Dem entspricht momentan die fragile Situation des Kantons Tessin mit der Lombardei und Mailand um die Ecke. Wen wundert da die Verunsicherung?

Der Komplex der Südschweizer ist allerdings keineswegs eine neue Erscheinung. Alle Umwälzungen im Kanton kamen durch Fremdbestimmung zustande. Die erste Verfassung war Napoleon zu verdanken. Fremdbestimmt sind sowohl der Finanz- und Dienstleistungs- wie auch der Industriesektor. Deren Führungsetagen liegen meist im Norden. Entscheidet man dort, einen Betrieb zu schließen, bleibt den Tessinern meist nur die Möglichkeit, hilflos ex post zu protestieren wie bei der Schließung des Stahlwerks Monteforno im Armenhaus Leventina. Auch bei Entscheidungen der öffentlichen Hand kämpft das Tessin oft vergeblich darum, angehört und ernst genommen zu werden – vom konstanten Abbau von Tessiner Arbeitsplätzen der Bundesbetriebe bis zur versuchten Schließung der SBB-Industriewerkstätten von Bellinzona im Frühjahr 2008.