Als der große Danzig-Roman Die Blechtrommel von Günter Grass vor 50 Jahren erschien, oblag es kurz darauf dem Vizepräsidenten des Hanseatischen Oberlandesgerichts Bremen, Dr. Kurt Bode, einen Verbotsantrag gegen das Buch zu überprüfen. Es sei pornografisch. Damals landeten viele inzwischen berühmte Bücher vor deutschen Gerichten – von Henry Millers Sexus, Plexus, Nexus-Trilogie bis zu Vladimir Nabokovs Lolita. Doch Bode hielt sich aus wohlüberlegten, allerdings nicht zensurfeindlichen Gründen zurück. Zu einem Verbot kam es nicht. Zehn Jahre später erinnerte sich der inzwischen pensionierte Richter in einem Gespräch an seine Lektüre der Blechtrommel: "Ich habe es nach zwei Kapiteln wieder weggelegt. Die Polen und die Danziger waren ganz anders."

Wahrscheinlich war das eine Lüge. Der Richter hatte nach 1945 oft und erfolgreich gelogen, wenn es um seine Rolle im "Dritten Reich" ging. Denn wenige Tage nach Kriegsbeginn hatte Kurt Bode 38 Verteidiger der Polnischen Post in Danzig, unter ihnen Franzciszek Krause, einen Onkel von Günter Grass, zum Tode verurteilt. Sie wurden alle erschossen. Es war ein Justizmord sondergleichen. Die Kapitel 18 bis 20 der Blechtrommel erzählen, wie es dazu kam. Ganz gewiss hatte Bode auch diese Passagen gelesen; denn sie entsprachen in nobelpreiswürdiger dichterischer Ausstattung der historischen Wirklichkeit.

Bei einem Verbotsverfahren gegen den bereits berühmten Roman wäre Bodes furchtbare Rolle im Danziger Drama von 1939 öffentlich geworden; sein Lebenslauf lag, wenngleich geschönt, in den Personalakten der Justiz. Mithin gab es in der Hansestadt keine Zensurmaßnahmen gegen die Blechtrommel. Allerdings weigerte sich der CDU-regierte Senat im selben Jahr, den hoch dotierten Bremer Literaturpreis an Günter Grass zu verleihen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt ahnte Kurt Bode bereits, dass gegen ihn wegen Justizmordes ermittelt wurde. Die deutsche Frau eines in Danzig hingerichteten polnischen Postbeamten hatte in Hamburg Anzeige erstattet und auf Schadensersatz geklagt. Die Staatsanwaltschaft reichte das Verfahren 1960 nach Bremen weiter. Es führte zu nichts; denn dort war der zuständige Staatsanwalt ebenso wie Bode ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Acht weitere Ermittlungsverfahren gegen Bode wg. Mordes durch Rechtsbeugung in der Danziger Angelegenheit sollten im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte folgen. Sie wurden alle unter windigen Vorwänden eingestellt. Zeugen wurden nicht gehört, ein Gutachten verschwand, Akten wurden verlegt. In ihre historische Unschuldsburg ließ die deutsche Nachkriegsjustiz niemanden eindringen. Wer hier hauste, genoss Generalamnestie.

"Der deutsche Rechtswahrer ist heute der Mitarbeiter des Führers", hatte der inzwischen wieder zu konservativen Ehren gekommene Staatsrechtler Carl Schmitt nach 1933 geschrieben – und diese Mitarbeit hörte 1945 keineswegs auf, sondern spezialisierte sich nach dem Selbstmord des Vorarbeiters im Führerbunker auf Vertuschung, manipulierte Entnazifizierungsverfahren und persönliche Schadensbegrenzung für Richter, Staatsanwälte und Vollzugsbeamte des "Dritten Reichs".

Unter den exemplarisch mörderischen Richtern und 35 Generalstaatsanwälten des "Dritten Reiches" ragte Kurt Bode als ein fachlich exzellenter Karrierist heraus, der herzenskalt und gnadenlos urteilte oder anklagte. In seine Dienstzeit als Danziger Generalstaatsanwalt fielen mindestens 277 vollstreckte Todesurteile – zum Beispiel wegen "Hühnerdiebstahl" oder weil "der Verurteilte Leo Strasburger feindliche Rundfunksendungen abgehört und verbreitet und sich gegen das Deutsche Reich hochverräterisch betätigt hat". Als 84-Jähriger starb Bode kurz vor Weihnachten 1979 einen friedlichen Tod – ein pensionierter Spitzenjurist und Hobbysegler in der idyllischen norddeutschen Kleinstadt Mölln bei Lübeck, nur wenige Kilometer entfernt von der gegenwärtigen Werkstatt und Wohnung des Danziger Dichters und Bildhauers Günter Grass. Sie sind sich nie bewusst begegnet.