Die Türkei? Für so manchen Europäer ist das ein prekärer Beitrittskandidat am östlichen Rand der EU. Ein ferner Nato-Außenposten, ein letzter Ausläufer westlicher Zivilisation, der an beklemmende Länder wie den Irak und Iran grenzt.

Ausgerechnet in die Türkei pilgerten aber in diesem Sommer erstaunlich viele Mächtige der Welt. Ein halbes Dutzend europäische Regierende, Herrscher aus Zentralasien, Emire vom Golf und Russlands Premier Wladimir Putin besuchten Ankara und Istanbul. In pompösen Zeremonien schüttelten sie einander die Hände, unterschrieben Erklärungen und Verträge, zeichneten Karten ab.

Es geht um Energie. Bei diesem Thema liegt die Türkei recht genau in der Mitte. Die Türkei mag selbst wenige Rohstoffe haben, aber durch ihre Pipelines werden mehrere zentralasiatische Länder, Russland und der Nahe Osten künftig Brennstoffe nach Europa leiten. In zwanzig Jahren dürfte die EU einen erheblichen Teil ihrer rasch wachsenden Gasimporte über die Türkei erhalten. Selbst Rohöl wird über das einstige Randland nach Europa geliefert werden. Um die Verläufe der Pipelines ist ein Spiel mit hohen Einsätzen und großem Risiko entbrannt.

Eine klassische Rohstoffroute führt von Ost nach West. Nunmehr 15 Jahre ist die Türkei im Gespräch als Transitland für die Reichtümer, die seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion am Kaspischen Meer entdeckt oder vermutet wurden. Dazu gehören die Gasfelder in Turkmenistan, Kashagan in Kasachstan, das größte Ölfeld, das seit einem Vierteljahrhundert auf der Welt entdeckt wurde, und die Offshore-Gasvorkommen von Aserbajdschan.

Lange war unklar, wie all das nach Europa kommen soll. Am 13. Juli gaben in Ankara fünf Staats- und Regierungschefs sowie deutsche Manager von RWE eine Antwort. Sie beschlossen einen verbindlichen Rechtsrahmen für die von viel Raunen begleitete Nabucco-Gaspipeline von der Türkei nach Mitteleuropa. Und sie hielten eine prächtige Zeremonie ab. Der türkische Premier Erdoğan wirkte darin wie der Direktor des großen Energiezirkus, derweil der georgische Präsident Michael Saakaschwili strahlte wie das Pferd in der Manege. Dazu kamen Bulgaren, Rumänen und Österreicher, über deren Territorien die 3300 Kilometer lange Röhre für rund acht Milliarden Euro bis an den Knotenpunkt Baumgarten in Österreich gebaut wird.

 Bei vielen Projekten gab es zunächst Sperrfeuer aus Moskau

Nabucco – das ist der Versuch von Europäern und Türken, Erdgas in die EU zu transportieren, ohne dass die Gasgroßmacht Russland darüber bestimmt. Deshalb haben der Kreml, der Energieriese Gasprom und der in Gasproms Diensten stehende Ex-Kanzler Gerhard Schröder das Projekt stets für irrsinnig erklärt. Eilig kaufte Gasprom Energievorräte am Kaspischen Meer auf. All das konnte Nabucco bisher nicht stoppen.

Sperrfeuer aus Moskau hatte es auch bei anderen Pipelines in der Ostwestrichtung gegeben. Etwa bei der großen Erdölröhre vom aserbajdschanischen Baku über Georgien in den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Seit drei Jahren fließt Öl durch diese Leitung auf die Weltmärkte. Parallel dazu entstand eine Gaspipeline von Baku ins türkische Erzurum, eine Art Mini-Nabucco. Im Westen der Türkei kam eine neue Verbindung nach Griechenland dazu.

Von den USA wurden diese Projekte leidenschaftlich unterstützt, wenn auch meist mehr mit guten Worten als mit Geld. Der amerikanischen Regierung war daran gelegen, die kaspischen Reichtümer ohne Moskaus Mitsprache auf die Märkte zu bringen. Das ist zum Teil gelungen. Nur wäre es ein Trugschluss zu glauben, die Türken ließen sich im großen Spiel um die kaspischen Energieressourcen fest ans amerikanische Lager binden. Das zeigte der Überraschungsbesuch von Wladimir Putin kurz nach dem Nabucco-Gipfel in Ankara.

Der russische Ministerpräsident arbeitet am Verlauf des zweiten großen Röhrenstrangs, in dessen Mittelpunkt die Türkei steht: von Nord nach Süd. Alarmiert von der Unterzeichnung des Nabucco-Rahmenabkommens, rief Putin beim türkischen Premier an und schlug ihm vor, eine russische Pipeline durch den türkischen Teil des Schwarzen Meers Richtung Bulgarien zu legen. "Putin hatte es sehr eilig", sagt ein Berater des türkischen Premiers. Tayyip Erdoğan, der mit Putin befreundet ist, lud den Russen und den italienischen Premier Silvio Berlusconi in die Türkei ein. Anfang August, nur drei Wochen nach dem Nabucco-Gipfel, unterzeichneten die drei Premiers ein Abkommen über den Verlauf von South Stream, einer Unterwasserpipeline, die Gasprom und der italienische Energieriese Eni bauen wollen.

South Stream soll russisches Gas unter Umgehung der Ukraine nach Europa bringen, da Russland mit Kiew regelmäßig im Streit liegt, zuletzt im vergangenen Winter, als infolge des Zwists selbst in Europa der Gaspegel sank. South Stream gilt aber zugleich als Konkurrenzprojekt zu Nabucco. Gasprom hat sich jüngst in Aserbajdschan Gaslieferungen gesichert, die auch in die europäische Röhre eingespeist werden könnten. Sofort nach dem Pakt mit Putin und Berlusconi hagelte es Schlagzeilen, nun sei Nabucco tot. Hat die Türkei das Projekt und Europa verraten?

Um diese Frage zu beantworten, muss man zunächst wissen, was die Türkei für ihre Zustimmung zu South Stream bekommen hat: ziemlich viel. Die Türken forderten russische Lieferzusagen für eine Ölpipeline vom Schwarzmeerhafen Samsun nach Ceyhan am Mittelmeer, über die Russland seine Exporte gen Süden und Europa verschiffen solle. Die Röhre wird nun gebaut und soll den Bosporus entlasten, auf dem riesige Tanker täglich um Haaresbreite an den Ufern der Millionenmetropole Istanbul entlangschrammen. Ceyhan wird damit zum wichtigsten Ölhafen im östlichen Mittelmeer. Von hier werden Tanker russisches Rohöl Richtung Indien und Fernost bringen, entweder über den Suezkanal oder die große israelische Pipeline von Aschkelon nach Elat.

 Die Türkei braucht mehr Lieferanten für Öl und Gas

Die Türkei braucht mehr Lieferanten für Öl und Gas

Zugleich verständigten sich Erdoğan und sein Freund Putin über die nächsten Schritte beim Bau des ersten türkischen Kernkraftwerks. Ein russisches Konsortium hat in einem umstrittenen Auswahlverfahren den Zuschlag bekommen. Der Energieexperte Yurdakul Yigitgüden hält das russische Angebot für technisch sehr gut, aber zu teuer – die Kritik einiger Energiefachleute, das Land mache sich mit dem Meiler zu abhängig von Russland, teilt Yigitgüden hingegen nicht. "Bei der Kernkraft sehe ich nicht das Problem, sondern beim Gas." Die Türkei importiert fast 64 Prozent ihres Erdgases aus Russland. "Wir brauchen neue Zulieferer", sagt der ehemalige Vize-Energieminister.

Da ist die Auswahl zum Glück groß. Von Süden nach Norden – das ist die dritte Richtung, welche die Türkei zum Drehkreuz für künftige Energieströme macht. Diese dürften die Nabucco-Pipeline am Ende ermöglichen. Kurz nach Wladimir Putin besuchte der Emir von Qatar die Türkei, logierte im Çirağan-Palast am Bosporus und sprach mit Erdoğan über eine Pipeline in die Türkei. Qatar nennt die drittgrößten Erdgasreserven der Welt sein Eigen. Schon heute kann verflüssigtes Gas aus Doha über Tanker in die Türkei gebracht werden.

Wichtiger noch wird der Irak, in dessen Norden in den vergangenen Jahren große Gasfelder entdeckt wurden. Schon heute führt eine Ölpipeline vom kurdischen Nordirak an den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan. Noch hat der vom arabisch-kurdischen Zwist geplagte Irak zwar kein geltendes Ölgesetz. Immerhin aber einigten sich die Kurden und die Regierung in Bagdad auf einen Schlüssel zur Aufteilung der Petrodollar: Das Geld geht zunächst nach Bagdad, die Kurden bekommen 17 Prozent der Einnahmen. Seither wird ernsthaft über eine Gaspipeline nachgedacht, die aus dem Nordirak in die Türkei führen soll. Türkische und europäische Unternehmen sichern sich Zug um Zug Gaslieferungen aus dem Irak. Die EU-Kommission liefert politischen Rückhalt. Das Zweistromland wird Großlieferant für das internationale Nabucco-Konsortium.

Die Türkei hat Nabucco also nicht verraten. Das russische South-Stream-Projekt wird im Wesentlichen russisches Gas transportieren und im geringen Maße kaspisches. Die Nabucco-Pipeline wird vor allem Nahost-Gas befördern, aus dem Irak und auch aus Ägypten und Qatar. Dazu kommt aserbajdschanisches, möglicherweise turkmenisches Erdgas – und vielleicht einmal iranisches Gas.

Yurdakul Yigitgüden rät den Nabucco-Betreibern, sich zügig um Lieferverträge zu bemühen. Bei der großen Auswahl von Quellen hat Nabucco vielleicht bessere Aussichten, gebaut zu werden, als das wesentlich teurere South-Stream-Projekt. Der russischen Röhre quer durchs Schwarze Meer fehlt noch die Machbarkeitsstudie, sie könnte sich als zu aufwändig erweisen. Zumal es eine billigere Alternative gibt. "Es kann gut sein", sagt Yigitgüden, "dass die Russen ihre neue Pipeline entlang der bereits existierenden unterirdischen Blue-Stream-Leitung von Russland in die Türkei bauen." Dann ginge es über das türkische Festland weiter in die EU-Länder. Damit würde die Türkei die Ukraine als Haupttransitland für russisches Gas auf dem Weg nach Europa ablösen.

All diese Röhren zusammen genommen werden das Gewicht der Türkei in der Region und gegenüber Europa verändern. Randstaat? Ungeliebter Beitrittskandidat? Nato-Außenposten? So sieht sich die Türkei heute schon nicht mehr. "Wir erwarten, mit Respekt behandelt zu werden", sagt Suat Kiniklioğlu, außenpolitischer Sprecher der Regierungspartei AKP. Das gewachsene Selbstbewusstsein der Türkei dringt aus jedem Büro in Ankara.

Öffnet diese wachsende Bedeutung der Türkei auch die Tür zur Europäischen Union? Allein wohl nicht, aber sie dürften die EU stärker an die Türkei binden. Man wird mehr miteinander zu tun haben, als beispielsweise den Franzosen lieb ist.