Ist der Zug schon abgefahren? Oder ist das Ganze noch zu stoppen? Von morgens um neun bis abends um 20.30 Uhr wird Angela Merkel an diesem Dienstag im Rheingold-Express durch Deutschland fahren, einem "Nostalgie-Zug" (Bahn-Werbung), der seine Glanzzeit in den fünfziger Jahren hatte. Vor der Abfahrt in Bonn legt Merkel an Konrad Adenauers Grab in Rhöndorf einen Kranz nieder, dann geht es erst den Rhein entlang, und wenn es Nacht wird über Deutschland, fährt sie in der großen Stadt Berlin ein. Dazwischen liegen Koblenz, Frankfurt, Erfurt, Leipzig, und an jedem dieser Orte begibt die Kanzlerin sich unter Menschen. Das wird sicher alles sehr sehr schön werden. Aber was, du liebe Güte, hat Angela Merkel da zu suchen?

Die Zuckerguss-Tour durchkreuzt Angela Merkels einziges Wahlversprechen: No nonsense! Bisher lief doch alles so gut für die Kanzlerin mit der dezent präsidialen Ausstrahlung. Ihr Konkurrent verzweifelte regelmäßig an Merkels Bloß-keinen-Wahlkampf-Wahlkampf, weil sie genau das machte: bloß keinen Wahlkampf. Und nun fährt sie in einem Salonwagen durch deutsche Lande und ruft auf jedem Bahnhof: Hier bin ich! Dazu Blumen, Tusch und Kaiserwetter.

Man muss übrigens nicht Kanzlerin sein, um im Rheingold-Express mitzufahren. Es hilft aber, Adenauer zu heißen. Mitglieder der Familie nähmen auf besondere Einladung der Bundeskanzlerin an der Reise teil, lässt die CDU wissen. Schon Großvater Adenauer hatte den Rheingold-Express für Wahlkampftourneen geschätzt, an seine Kanzlerkür vor 60 Jahren möchte Merkel erinnern. Allerdings, hieß nicht der letzte CDU-Kanzler einer Großen Koalition Kurt Georg Kiesinger? Nun ja, um dessen Ruf stand es nicht zum Besten. Und vielleicht fuhr er auch nicht gerne Zug.

Bloß mit der Fahrtrichtung hat die CDU noch Schwierigkeiten. Ein Zug zurück in die Vergangenheit? Das passt zwei Wochen vorher nicht recht zur "Zukunftswahl" am 27. September. Andererseits, mit der Eisenbahn in die Zukunft, das Rezept ist auch schon ziemlich angestaubt. Es gab eine Zeit, da symbolisierte ein Herrscher, der Bahn fuhr: Der Fortschritt ist da! Doch das war kurz nachdem es aus der Mode gekommen war, mit dem Pferd ins Büro zu reiten. Heute fährt nur noch die Queen in eigenen Waggons; als der frisch gewählte Präsident Obama sich im Zug zur Inauguration nach Washington chauffieren ließ, war das bereits keine wirklich überzeugende Idee mehr.

Man muss die Reiseroute der Kanzlerin wohl so verstehen: Aus der Gegenwart in die Zukunft über die Vergangenheit. Im Bahner-Deutsch würde man sagen: Adenauer, ein Zwischenhalt.

Aber der Kanzlerzug ist auch ein Volkszug. Hat nicht die CDU ihn gebucht, fahren damit Trainspotter ins Gebirge und Rentner an die See. Unter www.bahnurlaub.de sind die Angebote für den Rheingold-Express versammelt. Direkt vor der Kanzlerin (6. bis 13. September) ist das Reisearrangement "Pörtschach am Wörthersee" im Angebot, "8 Tage Sonderzugreise" ab 999 Euro. Für Reisende mit mehr Hunger als Zeit gibt es ab 199 Euro die eintägige "Gourmetfahrt mit dem Chefkoch der Queen Mary 2". Denn, wie es im Prospekt heißt: "Reisen und Speisen gehört natürlich zusammen!" Auch Angela Merkel wird an Bord verpflegt.