Ein Sonntag Anfang Juli. Kaum jemand hat sie kommen sehen. Sie nimmt den Seiteneingang, wie so oft. Sie ist Meisterin des lautlosen und überraschenden Erscheinens. Als die Kanzlerin schließlich die Bühne auf dem Tierparkfest in Stralsund betritt, ruft der Zoodirektor in die Menge: "Es wird wirklich wahr, ich begrüße Doktor Angela Merkel!"

In diesen Tagen löst die Kanzlerin überall, wo sie auftaucht, Erstaunen aus, wie ein Wesen, das man nur aus dem Fernsehen kennt, von dem man aber eigentlich nicht glaubt, dass es tatsächlich existiert. Als sich Merkel später auf der Bühne mit Frank Schöbel unterhält, filmen die Zuschauer ihre Begegnung mit den Handys. Das Mikro ist aus. Und so filmen die Zuschauer die stummen Lippenbewegungen eines DDR-Starsängers, den im Westen kaum jemand kennt, und einer Kanzlerin, von der manche nicht glauben, dass sie aus dem Osten stammt. Zu Hause werden sich die Menschen Merkels Auftritt auf den Bildschirmen noch einmal ansehen, und dann wird es wieder so sein wie im Fernsehen, unwirklich. So, als sei sie gar nicht da gewesen.

Wer ist die wirkliche Angela Merkel? Es ist nicht ganz einfach momentan, etwas über sie zu erfahren, ihre jüngere Schwester soll ihr nahestehen, aber die Familie will nicht über die Kanzlerin sprechen, ihr Mann schweigt so ausdauernd, dass ihn inzwischen viele dafür bewundern und diejenigen, die jeden Tag mit ihr arbeiten, reden nur in Hintergrundgesprächen über sie. Je näher sie ihr sind, desto weniger sagen sie öffentlich. Wer in der Nähe der Kanzlerin bleiben möchte, ist besser still.

Ein Montag im August, Besuch bei Birgit Breuel. Es ist der Tag, an dem Josef Ackermanns "Geburtstagsfeier" im Kanzleramt in allen Medien kritisiert wird. Breuel hat sich erst nach mehreren Telefonaten bereit erklärt zu reden – über die Kanzlerin, die sie gut kennt. Nun empfängt sie in ihrem Haus in Hamburg mit Blick auf die Elbe und trägt eine Sonnenbrille. Sie sieht aus, als bereue sie ihre Zusage. Kaffee serviert sie nur für den Gast, sie selbst trinkt nichts. Gemütlich soll es nicht werden. Ist sie mit der Kanzlerin befreundet? Diese Frage ist Birgit Breuel zu privat. "Wir mochten und mögen uns." Sie haben sich 1991 kennengelernt, damals war Breuel Präsidentin der Treuhand und "bestgehasste Politikerin Deutschlands", wie sie selbst sagt. Die junge Frauenministerin Merkel schickte ihr einen Brief. "Es war das netteste Schreiben, das ich von einem Minister bekommen habe." Was darin stand, sagt sie nicht. "Angela Merkel verstand das, was wir bei der Treuhand machten, und hat uns nicht nur in eine Ecke gestellt." Dann zogen beide durch Zufall in zwei nebeneinanderliegende Wohnungen in der Berliner Wilhelmstraße. Dort haben sie sich öfter getroffen und geredet. "Sie hat mir geholfen, ostdeutsche Befindlichkeiten zu verstehen. Ich habe ihr das westdeutsche politische Männerdickicht erklärt. Sie kam ja völlig neu in die Partei, war bald schon stellvertretende CDU-Vorsitzende. Klar, dass ihr da Steine in den Weg gelegt wurden."

Betrachtet man die Lebensläufe von Breuel und Merkel, finden sich einige Parallelen. Breuel war die erste Frau, die für die CDU ein "hartes Ressort" übernahm, das Finanzministerium in Niedersachsen. Als Treuhandchefin galt sie eine Zeit lang als mächtigste Frau Deutschlands. Sie hat ihre Privatsphäre stets streng geschützt, und auch ihren Mann hat man so gut wie nie in der Öffentlichkeit gesehen. "Sie brauchen ein Refugium, sonst ist dieser Job völlig undenkbar!", sagt Breuel und verstummt wieder. Bis heute reden Breuel und Merkel öfter miteinander, wie oft, mag Breuel nicht sagen. Sie sagt, sie schätze Merkels bescheidene Art. Aber das reiche nun wirklich. Mehr habe sie nicht zu erzählen.

Sie hat eine tiefe Abneigung gegen alles, was laut ist

Angela Merkels Respekt vor dem Gesprochenen, dem Lauten, dem Nicht-wieder-Zurücknehmbaren dauert nun schon ihr ganzes Leben an. Als Pfarrerstochter in der DDR konnte jedes Wort eine Gefahr bedeuten, über die Zukunft entscheiden. Als Physikerin an der Akademie der Wissenschaften musste sie damit rechnen, dass um sie herum auch Spitzel arbeiteten. Als ostdeutsche Frau in der Bundespolitik hätten unachtsame Äußerungen ihrer Karriere ein jähes Ende bereiten können. Nun als Kanzlerin ist selbst ihr Schweigen von Belang. Wenn man Angela Merkel heute fragt, was ihr schönstes Erlebnis nach dem Mauerfall gewesen sei, antwortet sie: "Nicht davor Angst haben zu müssen, was unbedachte Worte auslösen könnten. Nicht davor Angst haben zu müssen, dass einer ins Gefängnis kommt, weil er seine Meinung gesagt hat. Das Schlimmste, was heute passieren kann, ist eine Schlagzeile morgen in der Zeitung."

Vor neun Jahren hat sie in der ZEIT auf dieselbe Frage geantwortet: "Amerika sehen. Kalifornien. San Diego." Das war vor dem 11. September und dem Krieg gegen den Terror. Ihre Begeisterung für die USA klänge heute anders als damals. Auch darauf muss sie achtgeben: wie die Mehrheit denkt. Sie darf eine Meinung möglichst erst dann äußern, wenn sie populär ist. Eine Mitarbeiterin aus dem Kanzleramt sagt, sie kenne keinen Politiker mit einem solchen Gespür für Timing wie Angela Merkel. Dafür, wann sie etwas sagt und wie laut.