Hirten haben keine Lobby. Hirten werden von der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Und wenn, dann von RTL. Bei Bauer sucht Frau kommen sie schlecht weg, werden als rhetorisch unterkomplex und verkauzt dargestellt. Dieses Zerrbild entsteht aber nur, weil der Hirte bei RTL nicht tun darf, was er am besten kann: hüten. Dafür gibt es das Bundesleistungshüten, eine Art deutsche Meisterschaft für Hirten, Hunde und natürlich Schafe. Am ersten Septemberwochenende traten die elf besten Schafhüter im thüringischen Udersleben gegeneinander an. Nach Angaben der Veranstalter – es waren die Landesschafzuchtverbände der Republik – haben rund 4000 Fans des Hütesports den Wettstreit im Kyffhäuser verfolgt. "Die Zuschauer muss man ignorieren", sagt Peter Knauth, "sonst wird man nervös." Der Schäfer behielt die Ruhe und gewann den ersten Preis, die Goldene Schippe, zusammen mit seinen beiden Hunden, Blitz und Bursche.

Dass ein solcher Sieg kein Zufall sein kann, zeigt die gültige Hüteordnung. Der optimale Hirte muss vielseitig sein, es geht geordnet über Brücken und Straßen. Gegrast werden muss in weitem und in engem Gehüt. Eine Stunde war Peter Knauth auf dem Wettkampfgelände mit einer Herde unterwegs, was übrigens eine prima Sendelänge für RTL gewesen wäre. Er hat in Heygendorf, 50 Kilometer nördlich von Weimar, eine Schafzucht. Sein Großvater war auch schon Hirte. Über Persönliches spricht er nicht gern, er macht um sich und seinen Erfolg keine großen Worte. Wenn er ein bisschen in thüringischem Dialekt erzählt, dann am liebsten über die Natur. Die liebt er sehr – und das muss er auch, schließlich ist er jeden Tag für viele Stunden allein dort. Mit einer Schafzucht komme man heute "gerade so aus", dennoch will er keinen anderen Job haben.

Auf dem Parcours in Udersleben war die schwierigste Herausforderung für den Sieger allerdings weder der Verkehr noch die improvisierte Brücke – es waren die Schafe selbst. Das klingt seltsam, wenn man bedenkt, dass der Mann seinen Beruf seit 1964 ausübt. Das Problem war schlicht: Es handelte sich um eine fremde Herde, eine Wettkampfherde. Gleiche Schafe für alle. Eine solche zu hüten dürfte ähnlich kompliziert sein, wie ein fremdes Pferd zu reiten. Knauth und seine Hunde fanden den Draht zum Merinolandschaf und erhielten die höchste Bewertung: "Ich musste mich sehr konzentrieren, es geht um die Genauigkeit, die ist das Wichtigste. Meine Hunde müssen ganz genau tun, was ich sage." Statt sich auf dem Triumph auszuruhen, trainiert er schon für das nächste Leistungshüten. Eine Motivation ist die Familienehre: "Es geht mir um die Tradition. Schon mein Opa hat bei solchen Wettbewerben mitgemacht." Er findet nicht, dass sein Beruf ein einsamer sei: "Fühle ich mich allein, trainiere ich halt die Hunde." Nicht alle seine Kollegen sehen das so. Weil sie sich allein fühlten, landeten sie ja bei RTL, wo vom Schäfer verlangt wird, was er womöglich nicht leisten kann: flirten und telegen sein.