Die SPD-Parteizeitung Vorwärts hat in den vergangenen Wochen ihre Leser mit je einem Ausklappposter ihrer vier Frontleute Müntefering, Steinmeier, Steinbrück und Nahles versorgt. Auf der Rückseite der Schwarz-Weiß-Aufnahme in kalkulierter Kultoptik ("Fotografie: Jim Rakete") fand der Fan jeweils einen einfühlsamen Text zu den politischen Stärken und geheimen Neigungen der Stars. "Eigentlich wollte er Architekt werden", beginnt der Einblick in Steinmeiers Welt. "Noch heute malt er manchmal, während langer Sitzungen, Skizzen von Häusern auf Servietten – Projekte, die er gern bauen würde, wenn er könnte. Architekten müssen Visionen haben und die Fähigkeit, diese detailliert umzusetzen: in millimetergenaue Grundrisse, in Räume, Häuser, Städte. Sie müssen das große Ganze und zugleich das kleine Machbare im Kopf haben, müssen Künstler und Handwerker, Strategen und Statiker sein, weil sonst ihre Visionen Luftschlösser bleiben. Auch in der Politik gibt es solche Baumeister. Frank-Walter Steinmeier ist einer von ihnen." So steht es im Vorwärts .

Klicken Sie auf das Bild, um alle Zeichnungen ansehen. © Frank-Walter Steinmeier, Repro: DZ

Doch Steinmeiers Vision ist mit dem Hausbau nur ungenügend beschrieben. Was in ihm wirklich vorgeht, ist offenbar lebendiger und vielfältiger. Man weiß gar nicht, wie man es beschreiben kann, ohne dass es erfunden klingt: Diese Seite versammelt Zeichnungen des SPD-Kanzlerkandidaten, die der ZEIT vom Team Steinmeier zur Veröffentlichung überlassen wurden. Warum? Mutmaßlich, damit sich jeder selbst ein Bild von dem Mann machen kann, den noch nicht genügend Menschen als Kanzler wollen, als dass es für einen sicheren Sieg am 27. September ausreichen würde. Und in der Tat, wer hätte gedacht, dass Frank-Walter Steinmeier Ponys zeichnet? Und Kamele? Und Elefanten? "Er hatte eine Elefantenphase", sagen Leute, die das Gesamtwerk kennen. Die Phase soll jetzt wieder abgeklungen sein. Es findet sich daher nur ein Elefant in dieser Sammlung (links unten neben einer beleibten Figur, die einer Mischung aus Obelix und Indianerhäuptling nahekommt).

Die Worte daneben, von des Kandidaten Hand, geben Aufschluss auf die Frage, wann denn der deutsche Vizekanzler eigentlich malt. Nicht nach Feierabend, so viel steht fest. "Konvent zu viel Autorität", hat Steinmeier auf seinem Obelix-Blatt notiert – bei Beuys oder Baselitz wäre die Inschrift Teil der Kunst, bei Steinmeier ist sie Teil der Arbeit: Aktennotiz und Erinnerung daran, dass seine Zeichnungen in Sitzungen entstehen. Da sitzt der Außenminister, so schildern es Augenzeugen, mit anderen Außenministern, und wenn seine Meinung gerade mal nicht so gefragt ist, dann schweifen die Gedanken, und der Stift macht sich selbstständig. Wort und Bild, Sitzung und Zeichnung fallen bei Steinmeier auseinander wie Pflicht und Flucht. "Außenwirtschaftsgenehmigungen Verfahren", schreibt der Ministerstift, der Künstlergriffel malt sich dazu seine Fahrräder und fährt links aus dem Blatt in schönere Gefilde.

Einzelnen Sitzungen seien die Werke nicht mehr zuzuordnen, sagen Mitarbeiter. "Schweinchen, undatiert" muss also wohl die korrekte Bezeichnung bei einem besonders eindrücklichen Werk heißen.

Für eine Deutung bleibt nur der Augenschein, der Künstler gibt keine Auskunft zu Hintersinn und Überbau, das Werk soll für sich sprechen. Nur auf einem Blatt findet sich ein erläuternder Hinweis: "Diese Zeichnung entstand aus 2 Kaffeeflecken (dunkler Hintergrund)". Im Galeristendeutsch: Kaffee, Kuli, Mischtechnik.

Welcher Steinmeier zeigt sich, wenn man das Œuvre aufblättert? Offenbart sich hier ein ganz anderer Kosmos? Zeigt sich das Dunkle, das Unbewusste? Nein, eher schon ein Mann, der mit sich im Reinen ist, vielleicht öfter zweidimensional als dreidimensional gestimmt.

Es ist ein freundliches Deutschland, das in Steinmeiers Bilderwelt aufersteht, aber auch ein seltsames. Treppen führen ins Nichts, Früchte warten in Schalen auf Menschen, die niemals kommen. Für Aufhellung sorgt der Ausflug in die Kalligrafie: "Chance. Chance. Chance." Richtig frei aber wirken nur die Tiere. Herzlich grüßt ein Federvieh mit Baseballcap. Und das "Schweinchen, undatiert" ist vielleicht doch eher als Glücksschwein mit Termin im Blick zu verstehen. Der Zeichner hat vorgesorgt für den 27. September.