Thea Dorn

In den Achtzigern durfte ich noch nicht wählen. Hätte ich wählen dürfen, hätte ich alles gewählt. Nur nicht die CDU. Warum? Weil man das als junger, sich fortschrittlich fühlender Mensch einfach nicht tat. CDU – das war der Schuldirektor, der zur Feier der ersten Griechischstunde persönlich in jede Klasse kam, über die "Sándale" (mit altgriechischer Betonung auf der ersten Silbe) rhapsodierte und dabei auf hellbraunen Lochmustersandalen wippte. CDU – das waren peinlich-laute Provinzfiguren, die Frauen hinterm Herd und Schwule im katholischen Umerziehungslager sehen wollten, oder schmallippige Machtstreber, die man im Verdacht hatte, insgeheim doch am Vierten Reich zu stricken. Die CDU hatte die Aura des Imperiums aus Krieg der Sterne. Nur dass Helmut Kohl nicht über den morbiden Sex-Appeal von Darth Vader verfügte.

Und heute? Das Imperium ist sanft geworden, weltoffen, tolerant. Aber irgendwie auch müde. Nichts in der heutigen CDU erinnert mehr an Krieg der Sterne. Eher gleicht sie der Lindenstraße. In diesem Kosmos darf jeder sein, wie er ist, keiner soll umerzogen werden, niemand wird ausgegrenzt. Manchmal beschleicht mich zwar der Verdacht, Darth Vader könnte in die Maske von Mutter Beimer geschlüpft sein. Doch selbst wenn dem so wäre, sagt dies mehr über den aktuellen Zustand von Darth Vader aus als über den der Lindenstraße.

Dass es mit der alten CDU endgültig vorbei ist, wurde mir klar, als ich vor wenigen Monaten Gast bei der Islamkonferenz war und den Bundesinnenminister – jenen Politiker also, der vor zwanzig Jahren noch als eine Art Wilhuff Tarkin (legendär aasiger Kommandant des "Todessterns") gegolten hatte – in einer halben Stunde siebzehn Mal das Wort "Vielfalt" sagen hörte.

Aus der Kalte-Kriegs-Partei ist eine laue Friedenspartei geworden. Im Jahre 2009 gibt es keine Gründe mehr, die CDU nicht zu wählen. Viele Gründe, sie zu wählen, gibt es aber auch nicht.