In der Generaldirektion des ORF gibt es eine Abteilung, für die der etwas hochtrabende Name Public Value Kompetenzzentrum gefunden wurde. Ihre Aufgabe ist es, den öffentlich-rechtlichen Mehrwert, der die Geschäftsgrundlage des gebührenfinanzierten Senders bildet, zu gewichten, zu dokumentieren und möglichst öffentlichkeitswirksam bekannt zu machen. Eine Aufgabe, von der die Existenz der Medienanstalt abhängen kann. Dem Public Value einer Organisation im öffentlichen Interesse entspricht der Shareholder-Value eines börsennotierten Unternehmens. Der Begriff stammt von einem Harvard-Professor, die BBC verwendet ihn als ein zentrales Element in ihrer neuen Charta. Public Value sei die "Leitwährung für die Zukunft", heißt es häufig im ORF.

Im Kompetenzzentrum wirkt einzig ein einsamer Redakteur. So viel zum Stellenwert, welcher der Qualitätskontrolle zugestanden wird.

In dieser Woche hat der Public-Value-Mann des ORF alle Hände voll zu tun. Ein paar parlamentarische Plauderstunden lang schwadronieren Politiker und Funktionäre aus der Medienbranche über Wohl und Wehe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Sie sagen, dass er unverzichtbar sei für ein demokratisches Gemeinwesen, dass er die nationale Identität widerspiegele, und betonen, wie bedeutend sein Bildungs-, Kultur- und Informationsauftrag sei. Also alles, was zu einer Schönwetterprognose gehört.

Ein peinlicher Society-Clown wird zur neuen Galionsfigur des Senders

Tatsächlich ist den Regierungsparteien allerdings allein daran gelegen, die Nachrichtenprogramme noch stärker unter ihre Kontrolle zu bekommen und die Medienmaschine enger an ihr Gängelband zu legen. Und die privaten Konkurrenten spekulieren längst darauf, dass das scheinbar unreformierbare Schwergewicht an seinen aufgeblähten Strukturen endgültig bankrottgeht und sie es anschließend ausweiden können: Ein neuer privatisierter Trallala-Kanal hier, ein paar frei gewordene Werbemillionen dort, und schon herrschte in der österreichischen Medienwelt ungetrübter Sonnenschein.

Diese Hoffnungen sind keineswegs unbegründet. Genährt werden sie von dem beklagenswerten Zustand, in dem sich der ORF gegenwärtig präsentiert, ein weidwundes Unternehmen, das seinen Sendebetrieb gerade noch aufrechterhalten kann. Es ist jetzt auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen der Politiker ausgeliefert, damit sie dem Medienriesen zumindest einen Teil jener 50 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln zukommen lassen, die sein aktuelles Defizit beträgt. Das fördert die Bereitschaft zur Willfährigkeit, schwächt die Schlagkraft und lähmt das Programmangebot.

Zudem vergeht kaum ein Tag, an dem die Direktion nicht ihr schönes Public Value Kompetenzzentrum desavouiert. Zuletzt gelang ihr das eindrucksvoll bei der Präsentation des Programmes für das kommende Jahr, bei der ein neu angeworbener Gesellschaftsreporter vorgestellt wurde, als habe man endlich den Erlöser aus dem Jammertal schwindenden Publikumsinteresses gefunden. Die kolportierte Gage für das Wunderkind soll immerhin zehn Prozent des gegenwärtigen Betriebsverlustes ausmachen.

Als Programmidee mag diese Personalentscheidung vernachlässigbar sein, ihre Signalwirkung ist hingegen verheerend. Einen schlimmeren Schlag kann eine Führungskraft dem eigenen Unternehmen, das sich darauf beruft, im öffentlichen Interesse zu agieren, kaum zufügen: Sie wählt einen peinlichen Society-Clown zur neuen Galionsfigur. Anschließend posiert der Chef persönlich mit der angeblichen Lichtgestalt für die Titelseiten der einschlägigen Gazetten, die das Duo als "Retter des ORF" feiern.