Es könnte die spannendste Buchmesse seit Langem werden. China ist in diesem Jahr das Partnerland auf dem Frankfurter Messegelände. Und wie explosiv die nicht nur literarische Begegnung mit der neuen Supermacht werden kann, hat sich schon am vergangenen Wochenende gezeigt.

Da keilten die Repräsentanten des offiziellen Chinas bei einem Vorbereitungssymposium so heftig gegen die deutschen Veranstalter, dass diese nicht nur die Nerven, sondern auch die Haltung verloren. In einem Akt vorauseilenden Gehorsams luden sie zwei Dissidenten, die sie zunächst nach Frankfurt eingeladen hatten, wieder aus, nur um sie am Ende dann doch verzagt auf die Bühne zu bitten, worauf Pekings angereiste Funktionäre beleidigt aus dem Saal zogen.

Buchmessenchef Jürgen Boos meinte sich für den Auftritt der Autorin und Umweltaktivistin Dai Qing und des im amerikanischen Exil lebenden Dichters Bei Ling entschuldigen zu müssen und machte damit alles nur noch schlimmer. Denn nun kehrten Pekings Vertreter zwar in den Saal zurück, nicht aber, ohne den Deutschen eine Lektion zu erteilen. "Wir sind nicht gekommen, um uns in Demokratieunterricht belehren zu lassen, diese Zeiten sind vorbei", herrschte der ehemalige chinesische Botschafter in Deutschland, Mei Zhaorong, seine Gastgeber an.

Es ist ein Ton, auf den man sich in der Diskussion mit China einstellen muss, ohne sich allerdings daran gewöhnen zu dürfen. Und schon gar nicht, ohne klar und deutlich zu widersprechen. Die alt-neue Weltmacht birst vor Selbstbewusstsein. Bei den Olympischen Spielen im vergangenen Jahr hat sie ihren Nationalstolz pompös in Szene gesetzt. Die damalige Prachtentfaltung hat viele im Westen befremdet, aber insgeheim auch beeindruckt. Und ein wenig verängstigt. Das große China – drückt es uns alle an die Wand?

Oder ist es unsere Rettung? In der Bankenkrise hat das kommunistische Regime nach den Amerikanern das zweitgrößte Investitionspaket geschnürt und damit kräftig geholfen, das kapitalistische Finanzsystem vor dem Untergang zu bewahren. Auffallend, wie die neue US-Außenministerin Hillary Clinton, auf Besuch in Peking, plötzlich das Thema Menschenrechte vermied. Es gebe mit China Wichtigeres zu besprechen, ließ sie wissen. Realpolitik ist so.

Aber wenn man nicht gerade die Weltwirtschaft retten muss, sondern nur ein Frankfurter Symposium, dann kann man schon ein bisschen mehr Courage zeigen. Messechef Boos nannte die Buchmesse zu Recht einen "Marktplatz der Freiheit". Doch dann buckelte er, dass es zum Erbarmen war.

"Man kann nicht kämpfen, wenn die Hosen voller sind als das Herz", hat Carl von Ossietzky gesagt. Und der hatte es mit den Nazis zu tun, nicht mit blassgesichtigen chinesischen Kulturfunktionären. Kämpfen, ein bisschen jedenfalls, muss man schon, wenn einem der "Marktplatz der Freiheit" anvertraut ist.