Ein selten genannter Grund, der für einen Wahlsieg Angela Merkels spricht, ist Neugier. Was auch immer sie von ihr halten mögen, die Deutschen sind noch nicht fertig mit dieser Kanzlerin. Ihre Regierungszeit ist zwar voller Premieren gewesen – die erste Frau im Amt, die erste Ostdeutsche, die erste Große Koalition in 40 Jahren, die größte Wirtschaftskrise in 60 –, aber bisher ohne Finale geblieben: Wie gut ist sie wirklich, die Kanzlerin? Noch fehlen Angela Merkels Geschichte das Ende und Urteil.

Das Interesse der Deutschen an ihr hat dadurch eher zugenommen. Auch bei vielen, die nicht die Union wählen, ist aus skeptischer Betrachtung politische Anteilnahme geworden: Was kann die Frau leisten, was kann sie diesem Land noch geben? Am vergangenen Sonntag aber, dem Tag des Fernsehduells, ist deutlich geworden, wie rasch die Mission Merkel an ihre Grenzen stoßen kann.

Ihr größter Erfolg war schließlich nicht, was sie als Kanzlerin tat, sondern dass sie Kanzlerin war. So erklärt sich ein Phänomen des Wahljahres 2009: In Deutschland ist weithin die paradoxe Haltung anzutreffen, Merkel solle Kanzlerin bleiben, am liebsten ohne FDP, gerne aber auch ohne CDU. Darauf stützt sich ihre Stärke.

Gleichzeitig orientierte sie die Union stärker auf die Mitte, färbte sie grüner und verlieh ihr eine Zuversicht, die den CDU-Slogan "Wir sind die Kraft" nicht völlig abwegig erscheinen ließ. Im Fernsehduell aber verfiel sie in ihre alte Schwäche und belebte den Vorwurf, dass hier eine Kanzlerin auf Wahlkampf ohne Profil setze.

Merkels Präsidialstrategie ist an ein Ende gekommen

Der relative Sieg ihres Herausforderers Steinmeier lenkt ab vom Maßgeblicheren: der Niederlage der Amtsinhaberin. Und plötzlich zeigt sich erneut, wie brüchig das populäre Merkel-Bild ist. Neben dem weitverbreiteten Wohlwollen war eben auch immer der Zweifel anzutreffen. Warum zeigt sie oft so wenig von der Politik, für die sie steht? Kann das allein den Umständen geschuldet sein: der Vorsicht vor innerparteilichen Gegnern, dem Hemmschuh eines konkurrierenden Koalitionspartners, der Komplexität der Welt- und Wirtschaftslage?

Nichts hat die Kanzlerin im Wahlkampf unternommen, was die Wähler aus ihrem Zwiespalt zwischen Zutrauen und Zweifel herausgeführt hätte. Um im Stil unangreifbar zu bleiben, lässt sie in der Sache möglichst wenig von ihren Vorstellungen für eine zweite Amtszeit erkennen. Die Methode ist nicht mutig, hat aber lange funktioniert. Doch nun ist Merkels Präsidialstrategie an ein Ende gekommen.

Anderthalb Stunden lang war auf offener Bühne die Methode "Bloß nicht auffallen" zu erleben – und das ist dann doch sehr aufgefallen. Verschiedene Beobachter haben nach dem Duell bei der Favoritin Fahrigkeit und flache Rhetorik bemängelt. Doch das Problem war nicht so sehr Merkels Performance, es war Merkels Methode, die plötzlich unangemessen wirkte. 90 Minuten lang war quälend genau zu besichtigen, wie wortarm und kraftlos einen Politiker der Verzicht auf Politik macht.