"Ich bin ein Soldat im Freiheitskriege" – Seite 1

DIE ZEIT: Herr Biermann, am 20. September werden Sie in Wien im Literatursalon im Gemeindebau im Rabenhof-Theater die 20 Jahre, die seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen sind, Revue passieren lassen. Wissen Sie noch, wo Sie sich am 9. November 1989, dem Tag, an dem in Berlin die Mauer fiel, befanden?

Wolf Biermann: Da muss ich in Anlehnung an Goethe, der nach der Schlacht von Valmy sagte: "Ich bin dabei gewesen", bekennen: Ich bin nicht dabei gewesen. Ich sah hier in Hamburg meine eigene Weltgeschichte verfremdet in der Glotze. So ist es eben, wenn man im Exil ist.

ZEIT: Wollten Sie nicht sofort an den Ort des Geschehens eilen? Es wäre ja nicht weit gewesen.

Biermann: Das weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber, dass ich es mit tiefer Herzensfreude und großem Neid gesehen habe. Ein sehr gemischtes Gefühl.

ZEIT: Neid?

Biermann: Weil ich das erlebte, was alle erleben, die durch den Streit im eigenen Lande ins Ausland getrieben wurden: dass ich nicht mehr dazugehöre – weder im Guten noch im Schlechten. Die haben ohne mich weitergemacht, und ich hatte daran keinen Anteil mehr.

ZEIT: Aber Sie hatten doch mit Ihren Gedichten und Liedern und spätestens durch Ihre Ausbürgerung 1976 jene Entwicklung mit ausgelöst, die zum Zusammenbruch der DDR führte.

Biermann: Ich würde das noch dramatischer ausdrücken: Ich empfand mich, in maßloser Übertreibung, als der Auslöser, als die Hauptursache. Das macht die komische Situation aus, dass der Held nicht auf der Bühne ist, wenn das Stück zum Finale kommt.

ZEIT: Muss man sich das so vorstellen: Wolf Biermann sitzt in Hamburg vor dem Fernsehgerät und guckt einem historischen Ereignis zu, von dem er überrascht wurde?

Biermann: Ich gehörte ganz und gar nicht zu denen, die alles geahnt hatten. Im Gegenteil. Gerade weil ich so unglaublich klug, erfahren und gebildet bin, gehörte ich zu den Dümmsten. Meine politische Fantasie reichte nicht aus, mir vorzustellen, dass die DDR vor mir untergeht.

ZEIT: Auch in den Wochen und Monaten davor nicht?

 

Biermann: Ach, inzwischen weiß jeder Nachttopf, dass die Scheiße kommt. Aber ich gehörte nicht dazu. Als Prophet könnte ich nicht das Salz für die Suppe verdienen. Meine Erfahrung hatte mich gelehrt, dass die DDR länger hält als ich. Ich konnte mir, genauer gesagt, nicht vorstellen, dass die Sowjetunion ihren Teil Deutschlands sausen lässt – wie seinerzeit in Österreich. Im Grunde konnte ich mir nicht vorstellen, dass das Weltreich des Ostblocks so ohne Krieg, ohne Bürgerkrieg zusammenbricht. Das ist der Kern meines Irrtums. Es ist schön, wenn man sich so wunderbar geirrt hat.

ZEIT: Das war ein merkwürdiger Vorgang: Mit einem Augenblick waren Sie ohne örtliche Veränderung aus dem Exil heimgekehrt.

Biermann: Das ist eine uralte Erfahrung: Man kommt nach Hause und merkt, dass man nicht mehr dazugehört.

ZEIT: Aber Sie sind ja nicht nach Hause gekommen, sondern das Haus ist zu Ihnen gekommen.

Biermann: Nein, nein. Ich bin ja dann auch wieder in die DDR gegangen und habe meine treuen alten Freunde und meine treuen alte Feinde getroffen. In der Zeit, in der die DDR noch als Staat existierte, damit die Bonzen der Nomenklatura noch ein Jahr lang Zeit hatten, die Milliarden an geraubtem Eigentum zu privatisieren – das haben sie übrigens von euch Österreichern gelernt.

ZEIT: Inwiefern?

Biermann: Nach dem Abzug der sowjetischen Armee, die ja die kommunistische Partei mit gewissen Privilegien hinterlassen hat, haben die Österreicher die geraubten Reichtümer über Privatpersonen so geschickt in aller Welt verschachtelt, dass auch der wiedervereinigte deutsche Staat zu seinem großen Kummer dieses undurchschaubare Geflecht nicht durchdringen konnte und an die Massen an Geld nicht rankam. Die Österreicher waren die Ersten, die dieses Problem genial gelöst hatten.

ZEIT: Ein großer Teil der Außenhandelsgeschäfte der DDR lief ja über Österreich.

Biermann: Das ist kein Wunder. Weil die Österreicher auf diesem Gebiet Weltniveau hatten.

ZEIT: Das ist nun aber DDR-Terminologie.

Biermann: Ja, weil die Partei immer wollte, dass die Werktätigen irgendeine Eierkochmaschine herstellen, die allen anderen Eierkochmaschinen überlegen ist. Ich habe also in diesem ersten Jahr, in dem die DDR schon tot war, aber noch lebte, viele Konzerte im Osten gemacht, da habe ich erlebt, wie das ist, wenn man nach Hause kommt und alles anders ist, als man es kannte. Denn diese wichtigen 13 Jahre nach meiner Ausbürgerung hatte ich ja nicht erlebt. Ich war wieder der Anfänger.

 

ZEIT: Kamen Sie in ein verändertes Land?

Biermann: Ja und nein. Ich musste überhaupt erst lernen, das, was neu ist, zu erkennen. Nach meiner Ausbürgerung bahnte sich eine interessante Entwicklung an, die im Grunde mit meinem Konzert in der Kirche von Prenzlau begann, ungefähr zwei Monate vor der Ausbürgerung. Das war das erste und einzige Konzert nach elf Jahren Verbot. Das war, wie sich später herausstellte, für die Geschichte der DDR ein Nukleus, nämlich die Verbindung der weltlichen Opposition mit der christlichen Kirche. An diesem Tag begann es. Diese raffinierte Verquickung von politischem Protest unter dem Schutzschild der Kirche war von entscheidender Bedeutung. Wobei man den Österreichern sagen muss: Es war nicht die Kirche, es war eine geächtete und verfolgte Minderheit unter den Pastoren.

ZEIT: Wie konnte die allgegenwärtige Stasi so achtlos sein? Ihr Auftritt hätte doch problemlos verhindert werden können.

Biermann: Der Grund ist so kurios, dass man von selbst nicht drauf käme. Ich habe es selbst viele Jahre lang nicht verstanden. Dann traf ich ein Mädchen, deren Eltern bei dem Konzert in der Prenzlauer Kirche gewesen waren, und die erzählte mir, dass es damals in Prenzlau einen Kantor gab, der Biermann hieß und jede Woche im Veranstaltungsplan der Kirche stand. Und so hat es die Stasi einfach nicht gemerkt. Inzwischen weiß ich, dass der Pastor, der den Mut hatte, mich einzuladen, anschließend von ein paar handfesten Jungs nachts unter einer Brücke halb tot geschlagen wurde. Aber dann haben sie ihm den Rest gegeben: Er wurde zum Superintendenten befördert, sodass er ein Oberpastor wurde, der nur mehr mit den Pastoren, also den Hirten, zu tun hatte und nicht mehr mit den Schafen. Er wurde degradiert nach oben. Erst was auf die Fresse und dann befördert.

ZEIT: Nicht unraffiniert.

Biermann: Ja, die waren auch nicht dumm. Aber das war die brisante Mischung: Die chemische Verbindung zwischen der kommunistischen Opposition gegen die Diktatur mit Pastoren, die sich erinnerten, wozu sie eigentlich da sind. Und das Ergebnis erlebte ich nach der Wende.

ZEIT: Die Wende, so wie sie stattfand, war allerdings nicht Ihr politisches Ziel?

Biermann: Solange ich in der DDR lebte, war meine Haltung: Ich bin Kommunist, und die Bonzen im Politbüro sind Antikommunisten. Das war auch unsere emotionale Basis. Wenn man diese Überzeugung nicht hat, hat man gar nicht den Mut, sich mit so mächtigen Verbrechern einzulassen. Aber als ich dann im Westen war, merkte ich immer mehr, dass ich mich vom Kommunismus verabschieden muss. Nicht etwa aus opportunistischen Gründen, um dem Pack im Westen nach dem Munde zu reden oder zu singen, sondern ich konnte einfach kein Kommunist mehr sein. Nicht etwa weil das nicht geklappt hatte, die Menschen haben oft Ideale gehabt, die sich nicht so ideal verwirklichen lassen. Sondern weil mir dämmerte, dass der Weg in den Kommunismus – das heißt ja auf Deutsch: in die klassenlose Gesellschaft, und das wiederum heißt auf Deutsch: in die soziale Idylle, das heißt poetisch: Alle Menschen werden Brüder, das heißt sarkastisch: Der Löwe frisst den armen Schafen auch noch das Gras weg, also ein Narrenparadies– weil mir also dämmerte, dass der Weg in diese, zynisch gesagt, Endlösung der sozialen Frage…

ZEIT: …auch ein sehr deutscher Begriff.

Biermann: Das heißt Kommunismus. Als ich sehen musste, dass das nicht nur nicht funktioniert (zum Glück), sondern die Menschen in die schlimmsten Höllen treibt, konnte ich kein Kommunist mehr sein. Dann musste ich die seelische Kraft, mich in den Streit der Welt einzumischen, aus anderen Quellen ziehen. Da ich deshalb nun kein Christ werden kann, muss ich mir was anderes suchen.

ZEIT: Sind Sie noch auf der Suche?

 

Biermann: Nein, ich habe es gefunden, es war ja längst da. Heinrich Heine hat es mir geliefert. Als er fünf Jahre vor seinem Tod die Bilanz seines Lebens zog, schrieb er ein Gedicht, das heißt Enfant perdu: "Verlorner Posten in dem Freiheitskriege, / Hielt ich seit dreißig Jahren treulich aus. / Ich kämpfe ohne Hoffnung, dass ich siege, / Ich wusste, nie komm ich gesund nach Haus", so fängt es an. Das Wort Freiheitskrieg hat mich erschüttert und begeistert und darüber belehrt, dass ich mich als ein tapferer Soldat im Freiheitskrieg der Menschheit begreifen muss. Der ist alt wie die Menschheit. Er begann schon, als wir von den Bäumen in die Höhlen abstiegen, ich kann mich genau daran erinnern. Dieser Freiheitskrieg wurde immer wieder verloren und immer wieder begonnen und wieder gewonnen und wieder verloren. Und er wird, vermute ich, so lange dauern, wie wir dauern.

ZEIT: Obwohl, von anderer Warte aus gesehen, die Existenz der Menschheit auch als nicht sonderlich bedeutsam angesehen werden könnte.

Biermann: Na ja, wenn man in seiner Zeit lebt, muss man die Kraft aufbringen, sich für besonders wichtig zu halten. Weil man ja sonst nicht einmal die Kraft hätte, morgens aufzustehen und sich ein Brötchen zu schmieren, geschweige denn sich in den Streit der Menschheit einzumischen. Man muss schon diesen Knall haben, zu meinen, dass es einen Sinn hat, etwas zu tun.

ZEIT: Fatalismus ist Ihre Sache nicht.

Biermann: Kann es ja nicht. Dazu habe ich noch Zeit, wenn ich tot bin. Lange genug.

ZEIT: Kann es schon.

Biermann: Nein. Fatum heißt ja auf Deutsch Schicksal. Das Schicksal des Menschen ist aber der Mensch – und nicht das Schicksal.

Das Gespräch führte Joachim Riedl