Vergeblich plädieren die Amerikaner für die sechsjährige Grundschule

Die Akzente wurden unterschiedlich gesetzt, und die Abendland-Ideologie war keineswegs auf konservative Kreise begrenzt. Auch linke Katholiken wie Walter Dirks begeisterten sich dafür. Denn darin steckte für viele die Hoffnung, die sie mit der Idee "Europa" verbanden und die Frieden und Aussöhnung versprach – und damit für unterschiedliche politische und konfessionelle Lager attraktiv war.

Wie immer in Deutschland, wenn es um das Große und Ganze ging, wurde gleich die Frage nach Erziehung und Bildung gestellt, nach den Schulen und Universitäten. Waren nicht gerade sie verantwortlich gewesen für Faschismus und Gewalt? Wie sollten die alten Werte unter den jungen Menschen neu erblühen? Und welche alten Werte?

Es waren vor allem die Alliierten, die darauf drangen, das bestehende Bildungssystem zu überprüfen und den Staub der Vergangenheit abzuschütteln. Militarismus, Nationalismus, Führerglaube – all dies schien auch eine Ursache in der sozialen Exklusivität der deutschen Schule zu haben, die autoritätshörige Gefolgschaft produzierte.

Die Entnazifizierung war ein erster heftiger und schwieriger Versuch, hier die schlimmsten Auswüchse des nazistischen Gesinnungsterrors zu beseitigen. So verloren beispielsweise bis Juli 1947 an den niedersächsischen Hochschulen in der britischen Besatzungszone 36 Prozent der Professoren ihre Arbeit. Allerdings konnten sich viele davon wieder erfolgreich einklagen oder auf eine Amnestie hoffen.

Die Alliierten hatten große Pläne. Deutschlands Klassenzimmer und Hörsäle sollten gründlich durchlüftet und modernisiert werden. Schulgeldfreiheit, eine gemeinsame sechsjährige Grundschule, mehr Zeit für die sozialwissenschaftlichen Fächer, ein Ende autoritärer Erziehungsmuster und eine umfassende demokratieorientierte Reeducation, nicht nur der Schüler, sondern auch der Lehrer – das waren die Forderungen, die eine Expertengruppe unter Führung des amerikanischen Pädagogen und Historikers George F. Zook aufgeschrieben hatte und die von linken Reformern lautstark gutgeheißen wurden. Zwischen Ende August und Mitte September 1946 war die zehnköpfige Zook-Kommission durch die Länder der amerikanischen Besatzungszone gereist, hatte etliche Schulen und Universitäten besucht und mit deutschen Experten gesprochen.
 
Widerstand kam von den Konservativen und den Kirchen, die im Ende des traditionellen humanistischen Gymnasiums – und das hätten die Pläne bedeutet – den "Untergang des Abendlandes" heraufziehen sahen. Sie setzten deshalb alles daran, die Pläne ins Leere laufen zu lassen.

Gerade das humanistische Gymnasium galt als Ort der "besten" deutschen Tradition: Latein und Religion, Philosophie und Goethes Werk waren der Weg zu umfassender sittlicher Bildung, eine Möglichkeit, in unsicherer Zeit Halt zu gewinnen und einen Charakter auszuprägen, der sich nicht durch die moderne Welt verführen ließ.

Der Nationalsozialismus erschien als Abkehr von diesem "gültigen" und "überzeitlichen" deutschen Erbe, als Verrat an der deutschen Hochkultur, die es nun, nach Krieg und Niederlage, wieder aufzubauen galt – und an die man ungebrochen wieder anknüpfen konnte.

Die Konservativen konnten sich weitgehend durchsetzen. Vieles blieb beim Alten. Während in der DDR die "Einheitsschule" eingeführt wurde, bestanden in der jungen Bundesrepublik die Strukturen des Kaiserreichs weitgehend fort.

Vier Grundschuljahre waren die Regel, außer in Bremen und Berlin, und alle Reformvorschläge verliefen im Sande. Die Schüler gingen weiterhin auf Volks-, Mittel- und Realschulen, und die wenigen, die das Gymnasium besuchten, mussten zuvor anspruchsvolle Aufnahmeprüfungen bestehen.