Bildung wird zur "Schicksalsfrage der Demokratie"

Staatliche Bildungsangebote blieben spärlich, und die sozialen Barrieren des Schulsystems waren gerade erst wieder zementiert worden. Und so nahmen es beispielsweise in Bayern die Sozialdemokraten selbst in die Hand, einen Ort für ihre Bildungsarbeit zu schaffen. Waldemar von Knoeringen, der originelle und charismatische Vorsitzende der bayerischen Nachkriegs-SPD, gerade aus dem britischen Exil zurückgekehrt, hatte die Idee zu diesem einmaligen Projekt.

Aus der Konkursmasse der Nazis erhielt die Partei als "Wiedergutmachung" ein Haus auf dem Aspenstein, mitten in den bayerischen Bergen, mit Blick auf den Kochelsee und den Herzogstand, Münchens Hausberg. Mit eigenem Geld und den eigenen Händen bauten sich die Genossen 1948 eine ganz neue Bildungsstätte, welche die Sozialdemokratie für die Fragen der Gegenwart öffnen sollte. "Mobilisierung des Geistes", nannte das Knoeringen 1956, der unter Erich Ollenhauer zum stellvertretenden Vorsitzenden der SPD aufgestiegen war.

Sozialdemokraten sollten sich die Errungenschaften der "dritten industriellen Revolution", des Atomzeitalters, zunutze machen und den Fortschritt demokratisch steuern. Physik und Kybernetik, Psychologie und Anthropologie – das waren Themen, die Knoeringen umtrieben und die in Kochel diskutiert wurden. Von manchem auch in der eigenen Partei als "Schöngeist" verspottet, erkannte er frühzeitig, dass eine wissenschaftlich untermauerte Bildung die "Schicksalsfrage der Demokratie" ist, auch um in der Systemkonkurrenz mit "dem Osten" – gerade nach dem Sputnikschock von 1957 – bestehen zu können.

So war, als der Pädagoge und Theologe Georg Picht 1964 in der evangelischen Wochenzeitung Christ und Welt seine spektakuläre Artikelserie über Die deutsche Bildungskatastrophe veröffentlichte, die Debatte um die Zukunft von Schule und Ausbildung tatsächlich längst im Gang. Doch erst Pichts dramatisch gepinselter Apokalypse folgte ein gewaltiges Echo in Politik und Medien.

Mache Deutschland so weiter wie bisher, lautete sein Fazit, dann drohe dem Land der ökonomische Untergang. Fehlende Lehrer, fehlende Abiturienten, fehlende Räume – all dies werde Deutschland zu einem Entwicklungsland und zu einem "Volk ohne Intelligenz" machen.

Picht war kein namenloser Allerweltspädagoge. Der gebürtige Elsässer, ein Neffe des Romanisten Ernst Robert Curtius, hatte 1946 das reformpädagogisch orientierte Internatsgymnasium Birklehof gegründet. Zwischen 1958 und 1965 stand er, seit 1964 Professor für Religionsphilosophie in Heidelberg, der dortigen Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft vor.

Zur selben Zeit war er ein einflussreicher Mann im Deutschen Ausschuss für das Erziehungs- und Bildungswesen, der den Bund und die Länder beriet. Und er gehörte 1962 zu den Mitunterzeichnern des Tübinger Memorandums, in dem sich protestantische Intellektuelle, unter ihnen die Physiker Werner Heisenberg und Carl Friedrich von Weizsäcker, für eine neue deutsche Politik aussprachen. Dazu zählten sie neben der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze mehr Engagement in der Bildung.

Die Frage nach den wahren Werten, nach Schule und Bildung war zum Ende der Ära Adenauer ins Zentrum der innenpolitischen Kontroverse gerückt. Nun diskutierten erstmals CDU-Parteitage den "Bildungsnotstand" des Landes. Vom "Untergang des Abendlandes" sprachen indes nur noch klerikale Außenseiter. Wichtiger schienen "Wettbewerbsfähigkeit" und "Chancengleichheit". Was das aber im einzelnen bedeutete, ob es tatsächlich, wie der Soziologe Ralf Dahrendorf 1965 forderte, ein "Bürgerrecht auf Bildung" geben sollte, blieb umstritten.

Die Tür für Reformen jedenfalls stand nun weit offen, auf allen Gebieten der Gesellschaftspolitik. Die Metamorphose der Adenauerjahre, so schwierig und widersprüchlich sie verlief, war erstaunlich. An ihrem Ende gab es eine Republik, die sich der Modernisierung und Liberalisierung stellte. Und was immer daraus folgte – das Abendland sollte auch das noch aushalten, ohne unterzugehen.

Der Autor ist Historiker und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Friedrich-Schiller-Universität Jena