Natürlich stinkt es einem Milchbauern, wenn er morgens um fünf Uhr im Stall melkt, 12 bis 14 Stunden malocht und am Ende für den Liter Milch 24 Cent bekommt. Nur: Der Markt gibt nicht mehr her.

Der Absatz ist zuletzt vor allem bei Käse eingebrochen. Und dann haben sich auch noch die deutschen Landwirte verspekuliert. Sie haben wie sonst nirgends in Europa ihre Produktion ausgeweitet – im April um mehr als acht Prozent, verglichen mit dem Vorjahresmonat. Französische Höfe schränkten derweil ihren Absatz um vier Prozent ein. Im Frühsommer erhielt Monsieur Fermier für den Liter Milch deshalb 19 Prozent mehr als Herr Bauer. Die Marktwirtschaft erreicht die Landwirtschaft. Nur wird das selten gesagt.

Verbände und Politiker fordern stattdessen eine Rückkehr zur Quotenregelung, mit der Überproduktion bestraft wird. Dabei ist die Mengenbeschränkung sogar noch in Kraft. Um gerade einmal einen Prozentpunkt ist sie dieses Jahr gestiegen. Erst 2015 wird dieses Instrument wirklich wegfallen, dann gibt es weniger Regulierung.

Gut so. Dann können sich deutsche Landwirtschaftsminister nicht mehr verstecken. Bisher ist immer Brüssel schuld, wenn es den Landwirten schlecht geht. Dabei werden leider zwei Dinge verschwiegen. Zum einen stellt die EU sehr wohl Milliarden pro Jahr zur Verfügung, damit Bauern bei vorübergehenden Niedrigpreisen nicht in Existenznöte geraten – mehr als 230 Millionen Euro an Soforthilfe sind es für deutsche Milchbauern allein aus dem EU-Konjunkturpaket und aus Programmen für die ländliche Entwicklung. Zum anderen hat weder Deutschland noch die EU insgesamt im vergangenen Abrechnungszeitraum die Milchquote ausgeschöpft.

Wie soll da die Quotenausweitung die Preise in Deutschland verzerren? Und die Bauern wurden nicht gezwungen, mehr zu produzieren. Darauf hat die EU-Kommission zu Recht hingewiesen und vermutet, dass es andere Gründe geben muss für den Preisverfall in Deutschland. Derzeit untersucht Brüssel die Lieferkette in den Mitgliedsstaaten. Es ist durchaus plausibel, dass die deutschen Landwirte nicht Quoten-, sondern Kartellopfer sind. Dass sie also erst von Molkereien und am Ende von Aldi, Lidl und Rewe ausgebeutet werden. Sollte das der Fall sein, wird Brüssel Strafen verhängen. Aber noch ist das nur ein Verdacht.

27 Mitglieder hat die EU, alle haben sich für den Ausstieg aus der Mengenbeschränkung entschieden. Auch Deutschland. Auch Angela Merkel (CDU). Auch Horst Seehofer (CSU). Auch die zuständige Bundesministerin Ilse Aigner (CSU). Die Kehrtwende in Wahlkampfzeiten macht Landwirten falsche Hoffnungen. Sie ist unanständig – auch wenn sie aus Aigners Sicht rational sein mag, weil das Ganze vor allem ein süddeutsches Problem ist.

Heute gibt es in Bayern 75 Prozent weniger Milchviehbetriebe als vor 30 Jahren. Trotz Quote, Exportsubventionen und Schulmilchplänen. Bis 2020 wird noch einmal jeder zweite Hof in Aigners Heimat dichtmachen. Diese unbequeme Wahrheit spricht sie nicht aus. Es ist Zeit für eine Agenda 2020 für die Bauern, ein Konzept, wie Landwirtschaft künftig aussehen soll. Kleine oder große Höfe? Bioware oder Industrieprodukte? Klasse statt Masse? Die neue Regierung muss Antworten finden. Sonst geht das Sterben weiter.