Die Milchbauern in Deutschland sind sauer darüber, dass ihnen niemand hilft. Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) kann es nicht, weil sie in der EU mit ihren Vorschlägen abblitzt, und die Europäische Kommission will es nicht, weil sie beschlossen hat, den lange Zeit regulierten Markt zu liberalisieren.

Bereits in den vergangenen Jahren wurden Regeln abgebaut. Eine davon ist die Quote. Sie besagt, wie viel Milch einzelne EU-Länder produzieren dürfen, und wurde seinerzeit geschaffen, um zu viel Milch am Markt zu verhindern. Doch statt der Quote, die 2015 endgültig wegfällt, soll es künftig nur noch der Wettbewerb richten. Nun leiden die Milchbauern schon heute darunter, dass es zu viel Milch am Markt gibt. Die Preise sind drastisch gesunken – obwohl die geltenden Kontingente nicht einmal ausgeschöpft werden. Mit dem Einkommen ist kein Auskommen mehr. Der Milchmarkt braucht wirksamere Regeln als bisher.

Zurzeit verheddert sich die Kommission im Wirrwarr ihrer Instrumente. Sie gewährt schädliche Exporthilfen und finanziert teure Lagerhaltung, zahlt Entschädigungen hier und Fördergelder dort. Es ist höchste Zeit, einen Kurswechsel zu vollziehen. Wirklich helfen könnte den Milchbauern eine flexible Mengensteuerung, ähnlich, wie sie der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter fordert. Danach wird die Milchproduktion auf der Grundlage eines Basispreises je nach Situation auf dem Markt ausgedehnt oder zurückgefahren. Im Detail gibt es dazu unterschiedliche Modelle. Manchen dient Kanada als Vorbild, wo Angebot und Nachfrage schon seit Langem permanent aufeinander abgestimmt werden.

Damit die Idee zunächst hierzulande umgesetzt werden kann, müsste der Staat einen Rahmen setzen. Er sollte keineswegs selbst in den Markt eingreifen, sondern lediglich Starthilfe leisten. Und das hieße, eine Kommission zu berufen, die aus Bauern, Verbrauchern sowie Molkereivertretern besteht. Diese Kommission übernimmt die Steuerungsfunktion. Klappen kann das freilich nur, wenn die Beschlüsse des Gremiums allgemeinverbindlich sind. Die unterschiedlichen Interessen und die große Zahl der Milchbauern verhindern heute zielgerichtetes Handeln. Dabei würde eine einheitliche Reaktion auf die Marktentwicklung allen nutzen: den Bauern und den Konsumenten, weil es auch ihnen nicht gefällt, wenn Milch zur Ramschware verkommt.

Wer stattdessen den Milchmarkt weiter liberalisiert, nimmt in Kauf, dass viele Milchbauern aufgeben müssen. Selbst jene, für die Pleiten eben zum Wettbewerb gehören, der allein das Maß aller Dinge ist, sollten eines nicht vergessen: Dem rabiaten Preiskampf werden langfristig nur industriell organisierte Agrarfabriken gewachsen sein mit der Folge, dass Milchprodukte noch viel häufiger als heute quer über den Erdball gekarrt werden – zulasten des Klimas. Und wenn in dem globalisierten Geschäft erst Spekulanten die Milch als Rohstoff für ihre Zwecke entdecken, werden es nicht mehr Aldi und Co sein, die den Preis bestimmen.

Rund 59 Prozent der Bevölkerung sprechen sich laut einer Umfrage dafür aus, dass der Staat in den Markt eingreift, um den Preis zu stabilisieren (s. Infografik). Sieht ganz so aus, als ob die Verbraucher bereit sind, für Qualität aus der Region zu zahlen – wenn die Bauern davon profitieren.