Wer Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier am Sonntag im Duell gesehen hat, könnte leicht denken: Erstens, die wollen miteinander weitermachen, zweitens können sie es gewiss auch, und drittens sollten sie es dann eben tun, denn es kann ja so schlecht nicht werden, was vier Jahre lang ganz gut war.

Dieser Satz ist in allen drei Teilen falsch.

Der Eindruck, dass die beiden konsensualen Kontrahenten eine Wiederauflage von Schwarz-Rot anstreben, beruht auf einer optischen Täuschung. Zwar wollen beide auch in Zukunft eine solide, wenig polarisierende, vernünftige, mithin großkoalitionäre Politik – aber ohne Große Koalition. Denn sie wissen sehr genau, wie schlimm es für sie würde. Natürlich weigern sich Merkel wie Steinmeier, über die Folgen einer Niederlage und damit über die Details einer neuen Großen Koalition öffentlich zu räsonieren, immerhin ist noch Wahlkampf. Durchdacht haben sie die Sache aber schon, mit einigem Grausen.

Abgesehen davon ist es vorerst ohne Belang, was Merkel und Steinmeier wollen. Ob es eine zweite Große Koalition gibt, darüber entscheiden die Wähler und die FDP. Die Union will Schwarz-Gelb, und nur wenn es dafür nicht reicht, wendet sie sich notgedrungen anderen Optionen zu. Die SPD will die Ampel, und nur wenn sich die FDP verweigert, muss sie, wohl oder übel, zurück unter die Kanzlerin Merkel.

Der Wähler hat es also zunächst einmal in der Hand. Darum ist es so wichtig, sich über die Ausgangslage einer neuen Großen Koalition Gedanken zu machen.

Was da käme, hätte keinerlei Ähnlichkeit mit dem, was war, es wäre viel eher eine aus tiefem Niederlagenfrust und heftigen Führungskämpfen geborene Koalition auf Abruf.

Zu allererst: Eine Große Koalition wäre gleichbedeutend mit einer schweren Niederlage der Union. Denn wegen der zu erwartenden Überhangmandate brauchten Union und FDP nur 47 Prozent, um miteinander regieren zu können. Wird diese Höhe gerissen, so bedeutet das: Die Union fiele noch hinter das blamable Ergebnis von 35,2 Prozent im Jahr 2005 zurück.

Das würde die Partei bis ins Mark erschüttern, fürchtet sie doch schon seit längerer Zeit dasselbe Schicksal wie die andere Volkspartei – abschmelzen wie die SPD, nur langsamer.