Es gibt Menschen, die sind überzeugt von dem Satz: Man kann entweder sehr mächtig sein oder sehr bekannt. Die beiden Männer, die sich am Münchner Flughafen in einer abgeschirmten Lounge trafen, hatten diese Haltung geradezu inhaliert. Ein alter Mann und ein junger Mann, die sich schon lange kennen. Der Flughafen passte als Treffpunkt auch symbolisch gut. Zu beiden gehört das Schnelle, das Flüchtige. Beide mögen es nicht, aufzufallen.

Der eine war Leo Kirch, der einstige Milliardär und Fernsehmogul. Ein Mann wie ein Mythos, als er ganz oben war, wurde spekuliert, welche Politiker von ihm bezahlt und dirigiert werden, bis hinauf zu seinem Freund und Kanzler Helmut Kohl. Er blieb im Verborgenen, gab nie Interviews, und das änderte sich auch nicht, als er stürzte und sein Imperium zerbröckelte. Zurück blieben die wütenden Prozesse gegen die Deutsche Bank und immer wieder mal das Gerücht, Leo Kirch plane ein Comeback, er wolle es noch einmal wissen.

Der andere Mann heißt Dany Bahar, von dem in diesem Text eine Nahaufnahme versucht wird. Er gilt als eines der Wunderkinder des internationalen Managements. Gewissermaßen aus dem Nichts aufgetaucht, wurde der damals Dreißigjährige blitzschnell der zweitmächtigste Mann im Red-Bull-Imperium des Milliardärs Dietrich Mateschitz. Als Bahar 2003 anfing, sagt er, lag der Jahresumsatz bei unter einer Milliarde Euro, wenige Jahre später sei er mehr als doppelt so hoch gewesen. Das Hochtreiben des Umsatzes: das Meisterstück einer jeden Managerkarriere. Als er Kirch traf, arbeitete Bahar noch bei Red Bull. Es wurde spekuliert, ob und wann er Mateschitz an der Spitze beerben würde. Bahar äußerte sich nicht, nicht dazu und zu gar nichts. Er gibt keine Interviews. Das blieb auch so, als er vor zwei Jahren auf der Karriereleiter weiterkletterte. Er wechselte zu Ferrari, wurde dort der starke Mann des Konzerns, gleich hinter der Führungslegende Luca di Montezemolo. Und wieder wurde spekuliert: Wie weit geht es mit diesem Mann noch nach oben?

Wenn man so will, ist da im Münchner Flughafen die Begegnung zweier Mythen zu beobachten, eines zu Ende gehenden und eines vielleicht beginnenden. Kirch verkörpert Vergangenheit, deutsche Nachkriegsgeschichte, großen Aufstieg, großen Fall. Am Beispiel Dany Bahars lässt sich die Frage stellen, inwieweit der Erfolg im modernen Management geschichts- und geschichtentauglich ist. Biografisch gibt sein Leben eine Menge her, davon wird noch die Rede sein. Und seine Wirtschaftsphilosophie? Man kann sie auf ein Wort reduzieren: Marke. Was dient der Marke? Wie kann man alles auf sie einschwören? Wie kann man sie ausweiten? Und schließlich die Welt erobern? Die Marke als wichtigster Pfad durch den Dschungel der Weltwirtschaft. Eine Idee, die funktionierte im globalisierten Boom der letzten Jahre. Bahar schoss in der Zeit des Aufschwungs nach oben. Aber nun in der Krise? Das schöne Wetter ist vorbei. Was halten Wunderkinder aus, wenn Gewitterstürme toben?

Um es vorwegzunehmen: Dany Bahar zieht mitten in diesen Stürmen, schneller als von allen erwartet, schon wieder weiter, er verlässt Ferrari noch in diesem September – und geht nach Norwich im Osten Großbritanniens. Er wird im Oktober Geschäftsführer und Anteilseigner der britischen Firma Lotus – wieder eine Autofirma, diesmal mit rund 1500 Mitarbeitern. War mal eine legendäre Marke, lange her. Man kann sagen: eine mutige Entscheidung. Während anderswo die Autokonzerne reihenweise zusammenkrachen, steigt Bahar mit eigenem Geld genau in diese Branche ein. Man kann auch sagen: Reist da einer ein bisschen schnell durch das internationale Topbusiness?

Rückblick. Leo Kirch war Stammgast in einem schönen Hotel in einem Schweizer Skidorf gewesen, er verbrachte dort zu Füßen des Berges Corvatsch seine Ferien. Hier begegnete er Urlaub für Urlaub einem aufgeweckten Jungen, der damals noch den ersten Vornamen Taner trug, sein zweiter Vorname Dany wurde erst später die Nummer eins. Der Junge gehörte sozusagen zum Inventar, denn sein Vater, ein Slowene, war Verwaltungschef des Hotels, und auch seine Mutter, eine Türkin, arbeitete dort. Der Junge mochte Kirch sehr.

Kirch hatte natürlich den Aufstieg des Hoteljungen verfolgt. Und das Treffen am Flughafen war eine Art Hilferuf: Konnte ihm vielleicht der kleine Bahar, mit dem mächtigen Konzern Red Bull im Kreuz, zum Comeback verhelfen? Nein, konnte er nicht. Es gab Gespräche mit Anwälten, Papiere und Konzepte wurden gesichtet. Bahar sagt, er habe den Eindruck gehabt, dass es Kirch auch gesundheitlich nicht gut gehe. Es habe ihm leid getan, sagt er, aber er habe keine Möglichkeit zu einem Geschäft gesehen.