Und dann bricht die Flut herein, tost wütend über alles hinweg, was ihr in den Weg kommt, schäumt und strudelt den Menschen entgegen, die zurückgelehnt an ihren Tischen sitzen, draußen in den Straßencafés am Ufer des Bosporus, unweit der großen Kunstbiennale. Sie sitzen da, als könnte die spätsommerliche Nacht niemals enden, vor sich ein Tellerchen Oliven, in der Hand die Wasserpfeife und im Augenwinkel die brüllenden Wassermassen, die sich unaufhörlich aus unzähligen Fernsehern ergießen und die Cafés visuell überschwemmen.

Es gibt dieser Tage ein Istanbul, das ist Katastrophengebiet, weggerissene Brücken und Häuser, über 30 Menschen tot. Und es gibt ein Istanbul, das weitermacht, als wäre nichts geschehen, denn die Flut hat nur einige Armenquartiere der Vorstadt getroffen, nicht das Zentrum. Und so sitzen sie auf ihren Sofas, besehen sich seltsam ungerührt den reißenden Schlamm, als hätte der nicht das Hier, sondern ein fernes Dort unter sich begraben. Und gleich nach der Wasserpfeife stehen sie auf, sie wollen ja nicht allzu spät kommen zur großen Vernissage-Party.

So ist die Istanbul-Biennale des Jahres 2009: Sie steht mitten in den Fluten, doch trockenen Fußes. Sie will nicht, dass wir im Jahr 2 nach Lehman einfach weitermachen, als wäre nichts geschehen. Sie zeigt uns das Elend dieser Welt, ihre Verkommenheit, führt uns in den Krieg, zu den Entrechteten, den Toten, erzählt uns von Georgien, Beirut, Weißrussland, von Srebrenica, Teheran und immer wieder von Israel und Palästina. Sie will so radikal politisch sein wie selten eine Biennale zuvor, diskutiert die Frauen- und die Einwandererfrage, weiß von Armut, Rassismus, Ausbeutung zu berichten. Und doch, bei allem Weltendrang, bleibt sie der Welt ungemein fremd. Als würde sie das Hier nicht kennen, nur ein Dort.

Kann man das der Biennale vorwerfen? Ist denn die Kunst nicht immer so? Sie entkommt nicht ihrem Privileg und ihrem Fluch, niemals das Leben selbst sein zu können. Sie kann das Handeln nur verhandeln und niemals selbst zur Tat schreiten, sonst wäre sie keine Kunst mehr. Doch eben davon, von dieser Begrenztheit, will die Ausstellung nichts wissen. Sie ruft auf zur Tat, zum Widerstand, will kämpfen gegen das kapitalistische System! Und Bertolt Brecht ist ihr oberster Fahnenträger.

Denn wovon lebt der Mensch?, fragte Brecht und fragt nun die Biennale, und ihre Antwort ist nicht weniger apodiktisch als die der Dreigroschenoper: "Nur dadurch lebt der Mensch, daß er so gründlich / Vergessen kann, daß er ein Mensch doch ist." So wie Brecht den Kapitalismus für unrettbar hielt, so gibt es auch für die vier Kuratorinnen dieser Biennale, allesamt aus Zagreb stammend, nur eine plausible Alternative zu den herrschenden Verhältnissen: den Kommunismus.

Schon deshalb ist für sie Kunst kein Selbstzweck, nichts Schönes, gar Unterhaltsames, sondern "Mittel politischer Erziehung". Kunst soll agitieren, soll pädagogisch sein – und so liegen in den drei Ausstellungsstationen der Biennale überall Handzettel aus, kleine Fibeln werden verteilt, es gibt Flugblätter, Wandzeitungen, Propagandaposter, Schautafeln sonder Zahl. Einmal sollen wir uns auf alte Schulbänke zwängen, um in den Handbüchern des Künstlerkollektivs decolonizing.ps die bauliche Zukunft der palästinensischen Gebiete zu studieren. Ein anderes Mal hat Mladen Stilinović einen Riesenhaufen Plakate mit lauter Dreien eng bedrucken lassen und will damit verdeutlichen, dass die drei reichsten Menschen dieser Welt so viel verdienen wie die 600 Millionen ärmsten. Zählte bei Brechts Dreigroschenoper neben dem Inhalt noch die Form, ja, war die Musik von Kurt Weill geradezu avantgardistisch, so scheint bei dieser Art Erdkundekunst, wie sie die Biennale versammelt, alles ästhetische Bemühen vom Aussagedrang verschluckt zu werden.

Doch ist nur der eine Teil der Ausstellung faktentrocken und diagrammbeschwert; der andere verzieht sich in dunkle Videoräume, in denen die Künstler wahre Menschen von ihrem wahren Leben berichten lassen. Es ist, man muss es so sagen, die Anne-Willisierung der Kunst. Vorne wird sie zugerichtet auf Krise und Schlagabtausch – hinten darf sie in der Sofaecke ganz authentisch ein paar Schicksalstränen verdrücken.