Es ist immer wieder der Wein, dieser liebliche Trunk, dieses verdammte Gesöff. Tritt Rainer Brüderle an ein Rednerpult, dann stellen sie ihm dort kein Glas Wasser, sondern ein Glas Wein hin. Wird er auf Veranstaltungen vorgestellt, dann meist mit dem Verweis, dass er in Rheinland-Pfalz lange Jahre Minister für Weinbau war. So ist es auch beim Bundestagswahlkampfauftakt der Liberalen in Düsseldorf. Er sei Mitglied des Kompetenzteams, "unser Mister Mittelstand", so präsentiert FDP-Generalsekretär Dirk Niebel Brüderle, der mit gefalteten Händen auf dem Podium sitzt. Und dann bringt Niebel natürlich die Sache mit dem Weinbau. Manchmal kann Wein eine ziemlich klebrige Angelegenheit sein.

Mehr als ein Jahrzehnt ist es her, dass Rainer Brüderle sein Ministeramt für Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau in Rheinland-Pfalz aufgegeben hat, um auf Bundesebene Karriere zu machen. Seitdem ist er der Alle-Bundestagswahlen-wieder-Anwärter auf den Posten des Bundeswirtschaftsministers – so auch diesmal. Und seitdem muss die längst vergangene rheinland-pfälzische Zeit als Referenz für Brüderles Wirtschaftskompetenz herhalten. Manche in der FDP meinen, es sei bis heute seine einzige Referenz geblieben. Was also lässt sich sagen über Brüderles mittlerweile elf Jahre in der Bundespolitik, über sein Profil als wirtschaftspolitischer Sprecher?

Die ihm weniger Gutgesonnenen würden vielleicht erzählen, dass er nach dem Tsunami in Südostasien deutsche Arbeitslose als Wiederaufbauhelfer dorthin schicken wollte. Oder dass er forderte, gut bezahlte Manager sollten für Verkehrsdelikte mehr zahlen als Durchschnittsverdiener. Die Wohlgesonneneren würden über Brüderle sagen, er habe in der Bundespolitik seit je für das Thema gestanden, das zur Kernbotschaft der FDP geworden ist – durch Steuersenkung Wachstum schaffen. 2005 war das die zentrale Reformbotschaft, 2009 ist es die zentrale Krisenbewältigungsstrategie. Und so bestreitet die FDP den Wahlkampf mit altbekannten Slogans wie "Steuern runter, Arbeit rauf". Während gebrauchte Sprüche auf frisch gedruckten Plakaten zumindest den Anschein des Neuen wahren, ist es nach elf Jahren als Minister im Wartestand schwierig, das Gebrauchte der Personalie Brüderle zu kaschieren.

1998, als die Liberalen Brüderle in die Bundespolitik holten, kam er als Hoffnungsträger. Er sollte ein Stück Neuanfang sein für eine FDP, deren Selbstbewusstsein nach 16 Jahren als Regierungsgehilfin der CDU ebenso verschlissen war wie ihr Personal. Brüderle stand für einen Imagewandel, weg von der Partei der Besserverdienenden, hin zur Partei des Mittelstands. Und er sollte Günter Rexrodt als Bundeswirtschaftsminister beerben. Doch die Wähler schickten die FDP in die Opposition. Vergeblich hoffte Brüderle bei den folgenden Bundestagswahlen auf eine Regierungsbeteiligung und seinen Einzug ins Wirtschaftsministerium. Noch heute erzählen sie in der FDP die Anekdote vom Wahlabend 2005, als Gerhard Schröder glaubte, Kanzler bleiben zu können. Es ist eine Anekdote, die viel über Brüderles Machtwillen, aber auch seine Selbstüberschätzung verrät. Brüderle habe an jenem Abend der SPD signalisiert, er werde Westerwelle schon von der Notwendigkeit einer Ampelkoalition überzeugen. Der Rest ist Geschichte.

2009 ist Brüderles letzte Chance. Diesmal sieht es gut für Schwarz-Gelb aus, die FDP holt in den Umfragen Bestwerte. Doch diesmal ist da auch Karl-Theodor zu Guttenberg, der Unions-Wirtschaftsminister, der zum beliebtesten Politiker im Land avanciert ist. Mit seinem Adelstitel, seinem Glamour und seinem Nein zur Opel-Rettung hat er die Deutschen in seinen Bann gezogen. So einen wie Guttenberg, der es schafft, neoliberal und gleichzeitig beliebt zu sein, hätten sie in der FDP auch gerne. "Neben Guttenberg sehen wir mit Brüderle recht blass aus", sagt einer aus der FDP-Spitze.

Es ist ein Freitagabend, Rainer Brüderle hat in Eckernförde auf einem FDP-Sommerfest geredet, jetzt fährt ihn einer von den Jungen Liberalen nach Hamburg ins Hotel. Den "Möchtegern-Guttenberg" haben manche Medien Brüderle genannt, eine Beschreibung, die ganz und gar unzutreffend ist: Er ist der Anti-Guttenberg, und er ist stolz darauf. Für Brüderle ist Guttenberg eine bella figura, die von den Medien geliebt wird. Einer, der durch adelige Herkunft und eine Familie, in der Politik und Bildung Tradition haben, geprägt worden ist. Brüderle stammt aus einfachen Verhältnissen, sein Vater hatte ein Geschäft für Unterwäsche und Hüte, Rainer Brüderle war der Erste in der Familie, der Abitur machte. Symbolisiert ein Wappen mit Ritterhelm und Rose die Geschichte der Guttenbergs, sind es bei den Brüderles Kristallgläser, Wein-, Sekt- und Wassergläser, ausgestellt in einer Vitrine im Wohnzimmer. Seine Mutter hat sich Glas für Glas zusammengespart. Und so ist es nicht nur geschliffenes Kristall, das Brüderle in der Vitrine aufbewahrt, sondern auch die Erinnerung daran, wie mühsam seine Eltern sich ihr bisschen Wohlstand erarbeitet haben.

Der Mittelstand, das ist Brüderles Metier, hier fühlt er sich sicher, hier wird er akzeptiert. Brüderle ist Praktiker. Einer, der den Erfolg seiner Arbeit an dem misst, was am Ende rauskommt, da kann der Maßstab auch schon mal der Euter einer rheinland-pfälzischen Kuh sein. 4500 Liter Milch soll eine Kuh dort im Schnitt pro Jahr gegeben haben – bevor Brüderle in seiner Amtszeit die automatische Melkmaschine einführte, eine technische Neuerung, die er bei der Besichtigung niederländischer Betriebe entdeckt hatte. Mit der Maschine kann mehr als die doppelte Milchmenge aus einer Kuh herausgeholt werden – Leistung, die sich lohnt, um im FDP-Jargon zu bleiben.