DIE ZEIT: Allein 200 naturwissenschaftliche Schülerlabore versuchen in Deutschland, junge Menschen für Mathe, Physik und Technik zu begeistern. Ein geisteswissenschaftliches gibt es bereits an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Im Oktober wird nun die Ruhr-Universität Bochum mit Unterstützung der Krupp-Stiftung das erste geisteswissenschaftliche Schülerlabor an einer deutschen Hochschule einrichten. Was versprechen Sie sich davon?

Thomas Kempf: Das naturwissenschaftliche Schülerlabor der Uni Bochum hat in den vergangenen fünf Jahren rund 35.000 Schüler vor allem aus der Oberstufe angelockt. Das Interesse ist enorm. Nun möchten wir dieses Angebot um die geisteswissenschaftliche Dimension ergänzen. Damit werden dann achtzehn Fakultäten der Universität, acht naturwissenschaftlich-technische sowie zehn geistes- und gesellschaftswissenschaftliche Fakultäten von der Theologie über die Philologie bis hin zur Sportwissenschaft, den direkten Draht zu den Schülern haben.

ZEIT: Was können Schüler in einem geisteswissenschaftlichen Labor lernen?

Kempf: Sie werden dort an moderne geisteswissenschaftliche Forschung herangeführt, an Fragestellungen, Methoden und an Quellenarbeit, die sie im Rahmen ihrer Möglichkeiten an der Schule nicht kennenlernen könnten.

ZEIT: Die naturwissenschaftlichen Schülerlabore wurden auch deshalb in solch einer Vielzahl gegründet, weil mehr junge Menschen für naturwissenschaftliche und technische Fächer begeistert werden sollten. Viele Absolventen geisteswissenschaftlicher Fächer enden aber in schlecht bezahlten Jobs. Soll man Schülern wirklich noch raten, ein solches Fach zu studieren?

Kempf: Die Geisteswissenschaften haben einen eigenen Wert, den wir nicht in Abrede stellen dürfen. Und ob man jemandem zu einem Studium raten oder davon abraten soll, ist eine schwierige Frage. Natürlich hat die Universität ein Interesse daran, die richtigen und die richtig guten Studenten zu bekommen. Die Geisteswissenschaften haben sich weiterentwickelt, und das, was die Studenten dort erwartet, kann selbst bei guten Bemühungen an der Schule nicht wirklich vorbereitet werden. Durch das geisteswissenschaftliche Schülerlabor aber könnte auch ein Teil der späteren Enttäuschung vermieden werden, wenn wir Schüler jetzt schon an diese Fächer heranführen und ihnen die Frage stellen: Wäre das was für dich?

ZEIT: Um welche Themen soll es konkret gehen?

Kempf: Es wird zum Beispiel ein Projekt zu Migrationssoziologie geben. Unter dem Motto "Uns tut Deutschland gut" werden die Schüler lernen, wie man ein Interview führt, das wissenschaftlichen Kriterien genügen soll. Sie werden also wissenschaftliches Handwerkszeug kennenlernen, verbunden mit kulturwissenschaftlichen und soziologischen Fragestellungen. Weitere Themen kommen aus der Grundlagenforschung der Orientalistik oder der philosophischen Ethik. Das alles unterscheidet sich schon sehr von dem, was Schulen anbieten können. Schulunterricht ist stundenplanorientiert und weniger sachorientiert an Problemen. Es dürfte in der Schule größere Schwierigkeiten bereiten, den Philosophie-, den Geschichts- und den Deutschlehrer zu einem gemeinsamen Projekt zusammenzubringen. An der Universität dagegen sind fächerübergreifende Kooperationen in den Geisteswissenschaften längst Alltag. Das wollen wir den Schülern vermitteln.

ZEIT: Wird es aus jedem Fachbereich ein Thema geben?

Kempf: Aus jedem Fachbereich mindestens eins. Das naturwissenschaftliche Schülerlabor hat in der Vergangenheit eine Fülle von Themen entwickelt und deckt von der Psychologie über Chemie und Physik die gesamte Bandbreite ab. Sicherlich wird es in Zukunft auch Schnittmengen zum geisteswissenschaftlichen Schülerlabor geben. So gab es bereits ein Projekt zur mathematischen Spurensuche in Philosophie und Kunst – das wird jetzt noch einmal angeboten. Außerdem wird es um "Bioethik im Diskurs" gehen. Die Schüler werden dazu bereits vorbereitet kommen. Sie werden sich mit ethischen Fragen beschäftigen, wie sie zum Beispiel bei Stammzellforschung, Organtransplantationen oder Sterbebegleitung auftreten. Da gibt es eine ganze Reihe von Dingen, die auch im Sinne der philosophischen Ethik interessant sind.